Jauch-Talk über die Anschläge in Frankreich Gesprächstherapie statt Lösungssuche

Eigentlich will Günther Jauch in seiner Sendung einer Antwort auf die Frage näherkommen, wie man in Deutschland auf den Terror reagieren sollte. Eigentlich. Denn seine Gäste verfolgen ihre eigene Agenda.

Von Johanna Bruckner

Am Ende boykottiert auch noch das Wetter Günther Jauch. Der Moderator muss kostbare Sendesekunden darauf verwenden, zu erklären, dass es nur Wind und Regen sind, die an der Kuppel des Berliner Gasometers rütteln und für eine grollende Geräuschkulisse sorgen. In einer Woche, in der schwerbewaffnete Islamisten die Redaktion des Pariser Satiremagazins Charlie Hebdo gestürmt haben, hält mancher ARD-Zuschauer auch Schlimmeres für vorstellbar.

"Der Terror-Schock - wie reagieren wir auf die neuen Anschläge?" - darüber will Jauch in seiner ersten Talkrunde im neuen Jahr diskutieren. Die Frage? Höchst aktuell. In der Nacht zum Sonntag haben Unbekannte einen Brandsatz in das Archiv der Hamburger Morgenpost geworfen. Die Zeitung hatte in den vergangenen Tagen die umstrittenen Mohammed-Karikaturen von Charlie Hebdo nachgedruckt. Obwohl die Hintergründe noch unklar sind: Der Terror ist in diesen Tagen in Europa und Deutschland eine allgegenwärtige Bedrohung.

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Medien-Nachhilfe für Springer-Chef Döpfner

Für Mathias Döpfner sind die Attacken von Paris gar "in ihrer Wirkung gravierender als der 11. September 2001". Döpfner, Vorstandsvorsitzender des Medienkonzerns Axel Springer, ist einer von Jauchs Gästen am Sonntagabend. Er ist offensichtlich besetzt, um für "die Presse" zu sprechen - doch die Rollenbeschreibung ist so wenig differenziert wie die Aussagen des Springer-Manns. Ausgerechnet ein Politiker erklärt dem Medienmenschen die medialen Mechanismen: Man dürfe nicht unterschiedliche "Dimensionen von Schrecklichkeit" vergleichen, nur weil es besonders viele Bilder der jüngsten Ereignisse gebe, sagt Innenminister Thomas de Maizière. "Das war nicht der 11. September für Europa." Der CDU-Politiker erinnert etwa an die Terroranschläge auf Züge in Madrid 2004, auf die Londoner U-Bahn 2005 und die schrecklichen Attentate gerade in Nigeria, Pakistan und Jemen.

Ob der Angriff der Brüder Kouachi "nur" einer Satirezeitschrift gegolten habe, fragt der Moderator. "Die Meinungsfreiheit wurde angegriffen", sagt Döpfner. Das ist die erwartbare Antwort, sie war so schon dutzendfach zu lesen, aber nach vier Tagen Dauerberichterstattung ist Redundanz das kleinste Problem des Jauch-Talks. Denn nicht nur Döpfner hat seine eigene Agenda ins Fernsehstudio mitgebracht.

Der langjährige Journalist ergeht sich in Schwarzmalerei zum Ende einer freien Presse. Manches Medium werde sich unter dem Eindruck der Geschehnisse von Paris nicht mehr trauen, wie bisher zu berichten. Als Beleg führt er die (vermeintliche) Ankündigung von Zeit-Online-Chefredakteur Jochen Wegner an, künftig keine islamkritischen Karikaturen mehr zu veröffentlichen. Döpfner spricht von einem ersten Sieg des Terrorismus, hält gar ein "Ende des freien demokratischen Gemeinwesens" für möglich. Wegner stellt umgehend via Twitter richtig: Er habe lediglich geschrieben, dass man die Veröffentlichung von Kommentaren und Karikaturen künftig kritischer prüfen werde.

Intervention von außen wäre wünschenswert gewesen

Doch dieses Dementi kommt zu spät, da ist die Jauch-Sendung längst aufgezeichnet. Dabei hätte man sich auch bei anderen Wortbeiträgen eine Intervention von außen gewünscht. So bringt Islamkennerin und Terrorismusexpertin Souad Mekhennet zwar auch wichtige Gedanken ein: So stellt sie beispielsweise die berechtigte Frage nach der europäischen Solidarität mit Terroropfern in der arabischen Welt. Aber sie berichtet auch von verstörenden Aussagen von Holocaust-Überlebenden in den USA, die ihr gesagt hätten, die Mohammed-Karikaturen erinnerten sie daran, "wie die Nazis anfingen, über Juden zu hetzen".

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Auch ihre Aussage, die Anschläge von Paris seien keine Angriffe auf die Meinungsfreiheit gewesen, weil es diese wegen der islamkritischen "Schere im Kopf" westlicher Medien gar nicht gebe, kann Mekhennet nur mit Mühe wieder einfangen. Selbstverständlich sei dies die Argumentation eben jener radikalisierten jungen Männer, zu denen auch die Attentäter von Paris zählten, stellt sie richtig.