Jan Josef Liefers über "Nacht über Berlin" "Morgens Helden, abends Verräter"

Anna Loos als Henny Dallgow und Jan Josef Liefers in der Rolle des Albert Goldmann in "Nacht über Berlin".

(Foto: ARD Degeto/UFA Filmproduktion)

Der Reichstagsbrand 1933 gehört zum dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte, nun versucht der ARD-Film "Nacht über Berlin", die Wirren der Zeit einzufangen. Jan Josef Liefers spielt die Hauptrolle. Ein Gespräch über den Terror des Alltags und sein Leben in der Diktatur der DDR.

Von Christopher Pramstaller

Berlin, Anfang 1933. Nach der Machtergreifung durch Adolf Hitler liefern sich Nazis und Kommunisten Straßenschlachten, die Radikalisierung der Gesellschaft nimmt zu. Während die Wirtschaft am Boden liegt, taumelt die junge Demokratie der Weimarer Republik ins Chaos. Der Reichstagsbrand in der Nacht zum 28. Februar liefert den Nazis schließlich die Begründung, ihre politischen Gegner zu verhaften und zu vernichten.

Der ARD-Film "Nacht über Berlin - Der Reichstagsbrand" zeichnet ein Bild der Gesellschaft am Abgrund. In der Hauptrolle: Jan Josef Liefers als Albert Goldmann, der als jüdischer SPD-Abgeordneter im Berliner Reichstag tief in die Wirren der Zeit verstrickt wird.

SZ.de: Um kaum ein Ereignis in der deutschen Geschichte ranken sich mehr Verschwörungstheorien als um den Reichstagsbrand. Deshalb die wichtigste Frage gleich voran: Wer hat den Reichstag denn angezündet?

Jan Josef Liefers: Da gibt es tatsächlich die wildesten Theorien. War es Marinus van der Lubbe als Einzeltäter? Waren es die Kommunisten? Waren es die Nazis? Bei Historikern hat sich mittlerweile die Einzeltätertheorie durchgesetzt. Friedemann Fromm, der Regisseur von "Nacht über Berlin", hat die Abläufe minutiös recherchiert. Wenn man mit ihm spricht, dann kommt man zu dem Schluss, dass es einfach nicht mehr aufklärbar ist. Es gibt keine Antwort auf diese Frage.

Wieso dreht man dann einen Film über den Reichstagsbrand?

Der Brand hat noch immer den Nimbus des Mysteriösen - und er markiert den Beginn des schlimmsten Kapitels der deutschen Geschichte. Außerdem geht es im Film gar nicht um die Täterfrage. Es geht um etwas viel Spannenderes: In welchem Zustand befindet sich eine Gesellschaft, wenn ein Feuer in einem öffentlichen Gebäude ausreicht, die Demokratie abzuschaffen und ein totalitäres Terrorregime zu errichten?

Und welche Erklärung liefert da "Nacht über Berlin"?

Der Film zeichnet das Bild einer jungen, vollkommen unerfahrenen Demokratie. In den Köpfen der Menschen herrschte totales Chaos, während sich die Ökonomie in einem desolaten Zustand befand. Es geht darum, die Lebenssituation und das Gefühl der Menschen darzustellen, die nicht wissen, was sie morgen erwartet.

"Nacht über Berlin" will also eher ein Gesellschaftsbild zeichnen? Das historische Ereignis spielt nur am Rande?

Genau so ist es. Und das ist auch Aufgabe eines Films, dass er Fakten und Zahlen, all das was Historiker zusammentragen, in Schicksale und Emotionen übersetzt. Jeder kennt das: Man liest über Katastrophen und Kriege, ohne dass einen diese Informationen sonderlich berühren. Man muss in einzelne Schicksale eintauchen können.

Nach "Der Turm" spielen Sie in "Nacht über Berlin" zum zweiten Mal in kürzester Zeit in einem Film über eine der beiden deutschen Diktaturen. Sie verkörpern Albert Goldmann, einen Arzt und SPD-Reichstagsabgeordneten, der durch seine jüdische Herkunft und politische Gesinnung tief in die Wirren der Zeit verstrickt wird. Wer ist dieser Mann?

Albert Goldmann ist eine fiktive Figur. Er war Feldarzt im Ersten Weltkrieg. Mit bloßen Händen hat er Därme zurück in die Bäuche gestopft. Er hat Dinge gesehen, die sich nie wiederholen dürfen. So kommt er als überzeugter Pazifist aus dem Krieg zurück und lehnt Gewalt vehement ab. Er will mit Argumenten überzeugen und glaubt an die Demokratie. Gleichzeitig ist viel Wut in ihm. Bei einem Handgemenge mit den Nazis überlegt er keinen Moment, geht dazwischen und schlägt zurück. Und dass sich Nazis und Kommunisten auf offener Straße prügelten, das war 1933 keine Seltenheit.