25 Jahre "Twin Peaks" Das Böse lauert in den Wäldern

In Twin Peaks geht es um den Mord an Laura Palmer - und um viel mehr.

(Foto: imago stock&people)

"Twin Peaks" gilt als Ur-Serie schlechthin, sie ist kitschig und unheimlich, Seifenoper und Horrorfilm zugleich. Sieben Gründe, warum man "Twin Peaks" gesehen haben sollte - und dennoch nie verstehen wird.

Von Elisa Britzelmeier

Die schlechte Nachricht zuerst: Regisseur David Lynch steigt aus der Fortsetzung der Serie Twin Peaks aus. "Ich liebe die Welt von Twin Peaks und wünschte, die Dinge wären anders gelaufen", schreibt Lynch auf Facebook. Lynch hatte die Serie zusammen mit Mark Frost entwickelt; am 8. April 1990 feierte sie Premiere. Aber, und das ist die gute Nachricht: Auch 25 Jahre nach der Erstausstrahlung hat Twin Peaks nichts von ihrem Reiz verloren; sie bleibt die Art von Serie, die gute Freunde empfehlen. Sieben Gründe, warum man Twin Peaks gesehen haben sollte.

Die verrückten Figuren

Im Mittelpunkt von Twin Peaks steht eine Tote.Vergewaltigt, ermordet und in Plastik gepackt wird Laura Palmer (Sheryl Lee) am Anfang der Serie aus dem Wasser gezogen. FBI-Agent Dale Cooper (Kyle MacLachlan) kommt nach Twin Peaks, um den Fall aufzuklären. Was er findet, ist ein Netz aus Affären, Gewalt, Prostitution, Drogen und allerhand überdrehte Figuren: Eine Frau, die stets mit einem Holzscheit auf dem Arm herumläuft; einen Psychiater mit bunter Brille, der selbst eine Therapie brauchen könnte; eine exotische Erbschleicherin, einen gierigen Hotelbesitzer, einen systemtreuen Major, einen bodenständigen Lokalpolizisten. Die Twin-Peaks-Figuren sind stereotyp und doch originell. Und das Beste: Von Folge zu Folge kommen neue Charaktere hinzu und verwickeln sich in unzählige Handlungsstränge. Man kommt kaum hinterher, wer nun was mit wem zu tun hat.

Die Heimeligkeit

Benannt ist die Serie nach ihrem Schauplatz, einer fiktiven US-Kleinstadt nahe der Grenze zu Kanada. Twin Peaks liegt recht verlassen zwischen Kiefernwäldern und wirkt so, als hätte man dort seine Ruhe. Es wirkt vertraut, so, als ob es zig solcher Orte gäbe. "Population 51,201", steht auf dem Ortsschild im Vorspann, "Herzlich Willkommen". Twin Peaks, das ist eine Tankstelle, ein grundamerikanisches Diner, ein Sägewerk. Nebel hängt auf der einzigen Straße, von der keiner weiß, wo sie eigentlich hinführt. Hier scheint immer Herbst zu sein, aber es gibt verdammt guten Kaffee und den besten Kirschkuchen weit und breit. Die Außenaufnahmen sind rostbraun, die Innenräume tiefrot. Kurt Cobain, der Sänger von Nirvana, hat einmal gesagt, sein Heimatort sei wie Twin Peaks, nur ohne die Aufregung. Auch wer in einer deutschen Kleinstadt aufgewachsen ist, erkennt vieles wieder.

Das Unheimliche

Twin Peaks ist unheimlich, eine der gruseligsten Serien überhaupt. Es geht nicht nur um Mord, sondern um das Böse an sich. Das lauert in den Wäldern ebenso wie am Fußrand des Bettes. In Twin Peaks gibt es rückwärtssprechende Zwerge und Riesen, Märchenhaftes, Übernatürliches und Unerklärtes. Der Kommodenknauf erwacht zum Leben, und selbst, wer in den Spiegel schaut, sollte sich in Acht nehmen. David Lynch greift sich Ängste, die jeder aus der eigenen Kindheit kennt, übersteigert sie und platziert sie genau dort, wo man sich eben noch wohlfühlte. Twin Peaks ist gerade durch die Heimeligkeit so unheimlich. Sigmund Freud zufolge entsteht das Unheimliche aus dem Vertrauten, das plötzlich unvertraut wird. Es ist die Wiederkehr des Verdrängten. David Lynch setzt das meisterhaft um, macht Twin Peaks zu einer Reise ins Unterbewusste (wer sich ein Bild machen will: Hier hat ein Fan Twin Peaks zusammengefasst - in einer Minute).

Der herausragende Soundtrack

Mehr als zwei Minuten lang sehen wir eine Straße, ein Ortsschild, Berge, ein Sägewerk und einen Wasserfall. Und die Musik ist inzwischen unverwechselbar: Man erkennt sie selbst dann wieder, wenn man Twin Peaks nicht gesehen hat. Komponiert hat sie Angelo Badalamenti - der mit Lynch auch bei "Blue Velvet" und "Mulholland Drive" zusammenarbeitete (wie das in etwa aussieht, kann man sich hier ansehen). Die Musik wurde sogar literarisch verewigt: In Christian Krachts Roman "Faserland" nimmt der Ich-Erzähler am Rand einer Party die Hände eines Mädchens in seine Hände, "und wir stehen einfach da und starren uns in die Augen, während um uns herum die Musik aus Twin Peaks so wellenförmig summt, also ich meine, die Melodie klingt tatsächlich wie eine Brandung am Strand, (...) dass sich alles anhört und anfühlt wie Wasser." Unter der Wasseroberfläche aber liegt die Tiefe, und das hört man. In dieser Musik steckt alles, was Twin Peaks ausmacht: Da wiegt eine sanfte Melodie den Zuschauer in Sicherheit, um sofort wieder in einen unbestimmten, düsteren Sumpf aus Synthesizern zu zerfallen.

Twin Peaks beeinflusste, was danach kam

Neben "Faserland" wird Twin Peaks in zahlreichen weiteren Werken der Popkultur zitiert. Von "Saturday Night Live" über die Simpsons bis zur Sesamstraße: Die Serie hat unzählige Andeutungen und Parodien hervorgebracht. Nur wer das Original gesehen hat, kann sie verstehen. Ohne Twin Peaks hätte es Serien wie Akte X, 24, Lost, die Sopranos nicht gegeben, die Lynch-Frost-Produktion ebnete ihnen den Weg. Und auch in House of Cards, Breaking Bad und Mad Men scheint noch ein deutliches Stück Twin Peaks durch (hier finden Sie eine Übersicht). Ähnliches gilt für die Besetzung: Schauspielerinnen wie Sherilyn Fenn (als Audrey Horne) und Mädchen Amick (als Shelly Johnson) wurden durch Twin Peaks bekannt und tauchten in späteren US-Serien wieder auf. Prägnantestes Beispiel ist Hauptdarsteller Kyle MacLachlan. Auch wenn er später als Trey MacDougal in Sex and the City mitspielte, als Orson Hodge in Desperate Housewives und als "Captain" in How I Met Your Mother - nur, wer ihn als Agent Cooper erlebt hat, kennt ihn wirklich.

Viele Serien in einer

Um was geht es in Twin Peaks? Die Frage ist kaum zu beantworten, und damit ist man schon beim Kern der Serie. Vordergründig dreht sich alles um den Mord an Laura Palmer - aber als schon längst klar ist, wer dahinter steckt, geht es trotzdem weiter. Twin Peaks erzählt nur auf den ersten Blick eine klassische Whodunnit-Geschichte. Sie ist eine Krimiserie und zugleich wieder nicht; sie ist Drama, Mystery und Comedy in einem, gruselig und lustig zugleich. Die Serienfiguren schauen selbst eine Serie, eine Seifenoper mit dem kitschigen Namen Invitation to Love. Und zugleich ist Twin Peaks genau so kitschig, lebt von ähnlichen Romanzen, Affären und Eifersüchteleien. Es ist eine Metaserie, eine Serie über das Serienschauen und Seriendrehen - und zugleich viele Serien in einer. Twin Peaks ist die Vereinigung von Kunst und Kommerz, von Seifenoper und Horror, von Krimi und Komik.

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Twin Peaks wird man nie verstehen

Cliffhanger, Zeitsprünge oder wiederkehrende Motive - bei Twin Peaks werden sie garantiert nicht aufgelöst. Warum ist Laura Palmer gestorben? Was soll das weiße Pferd im Wohnzimmer? Warum sind die Eulen nicht, was sie zu sein scheinen? Wer oder was ist Bob überhaupt? Twin Peaks ist ein großes Rätsel und fordert den Zuschauer zur Lösung auf. "Die Hinweise sind überall, um uns herum", sagt die Log-Lady, die verrückte Frau mit dem Holzscheit, an das Fernsehpublikum gewandt, "aber der Puzzlemacher ist clever." Immer wenn man meint, etwas verstanden zu haben, einen Hinweis in der Hand zu halten, zerbröselt dieser zwischen den Fingern. Hätte Franz Kafka Serien gedreht, Twin Peaks wäre dabei herausgekommen. Trotzdem bleibt man als Zuschauer dabei. In einer Simpsons-Folge sitzt Homer auf dem Sofa und schaut Twin Peaks, eine wirre Ansammlung von Figuren zieht an ihm vorbei, und ihm geht es wie jedem anderen Zuschauer. "Großartig!", ruft er, sichtlich erfreut, "ich habe keine Ahnung, was da vor sich geht." Gerade weil die Serie so kryptisch ist, kann man sie immer wieder anschauen - vielleicht versteht man ja beim nächsten Mal, was es mit dem roten Zimmer in Coopers Traum auf sich hat. Die Serie weigert sich, einfache Antworten auf komplexe Fragen zu geben. Bei aller Abgründigkeit ist Twin Peaks also am echten Leben recht nah dran.