50 Jahre Spiegel-Affäre Das Sturmgeschütz der Demokratie

Mit Martins Informationen war Ahlers äußerst behutsam verfahren. Er hatte 13 für den "Fallex"-Titel wichtige Einzelfragen dem Hamburger Residenten des Bundesnachrichtendienstes, Oberst Adolf Wicht, vorlegen lassen, dessen Zentrale in Pullach bei München nur zwei der 13 Punkte als kritisch unter dem Blickwinkel der Geheimhaltung bewertete. Ahlers hatte die Beanstandung beherzigt. Beide Offiziere, Martin und Wicht, wurden verhaftet. Den Entwurf zu seinem Artikel hatte Ahlers noch dem Hamburger Innensenator und SPD-Militärexperten Helmut Schmidt gezeigt, der lediglich zwei Punkte für bedenklich hielt. Gegen ihn wurde deshalb wegen Beihilfe zum Landesverrat ermittelt.

Wem hatten wir den Schlag zu verdanken? Schon früh hatte der Würzburger Rechtsprofessor Friedrich August von der Heydte den Spiegel angezeigt. Er war ein konservativer Ultra und ein altgedienter Militärexperte - Hitler persönlich hatte dem Fallschirmjäger-Offizier am 18. Oktober 1944 das Eichenlaub zum Ritterkreuz überreicht, inzwischen war er Brigadegeneral d. R. der Bundeswehr.

Etwa zeitgleich war man in der Bundesanwaltschaft auf "Fallex" aufmerksam geworden. Da die Bundesanwälte sich in Militärdingen nicht firm fühlten, begehrten sie fachliche Hilfe vom Verteidigungsministerium. Dort entdeckte ein Oberst Hans-Joachim von Hopffgarten, ein glühender Strauß-Anhänger, nicht weniger als 41 Staatsgeheimnisse, die in dem "Fallex"-Artikel verraten worden seien. Also meinte Straußens Staatssekretär Volkmar Hopf, dass am Tatbestand des Landesverrats kein Zweifel bestehe. Schon am 12. Oktober beklagte sich Minister Strauß bei Adenauer, der Spiegel habe "einen ungeheueren Verrat brisanter militärischer Geheimnisse" begangen.

Natürlich war der Artikel eine "Kriegserklärung" an Strauß, wie der Autor David Schoenbaum schreibt. De facto war dieser Krieg seit 1957 voll im Gange. Die Krawallrhetorik des Machtmenschen Strauß, sein Hang zu ungehemmtem Draufschlagen auf wirkliche oder nur vermutete Gegner, zeigten einen Politiker, der nach überwiegender Meinung im Spiegel - aber keineswegs nur hier - für ein Ministeramt ungeeignet, als Verteidigungsminister gefährlich und als denkbarer Nachfolger Adenauers unmöglich war. Der württembergische Altliberale Reinhold Maier warnte damals: "Wer so spricht, der schießt auch."

In einer ganzen Serie von Artikeln enthüllte der Spiegel Fälle von Amts- und Machtmissbrauch des Ministers, seine Neigung, Spezis zu begünstigen und Gegner zu verdammen und sich selbst dabei stets als höchst korrekt, wenn nicht gar als Opfer hinzustellen. Ein wenig obsessiv mochte unsere Kampagne gegen Strauß schon sein. Augstein selbst räumte das in einem berühmten, meist nur unvollständig zitierten Satz ein: "Wir waren das Sturmgeschütz der Demokratie - mit verengten Sehschlitzen."

Geheimnisse und die Mosaik-Theorie

Nach der damaligen Rechtslage half es dem Spiegel nicht, dass er in einer umfassenden Dokumentation anhand von fast 35.000 Zeitungsausschnitten nachwies, dass sämtliche 41 angeblichen Staatsgeheimnisse schon zuvor irgendwo veröffentlicht waren, also so geheim gar nicht mehr sein konnten. Es galt die sogenannte Mosaik-Theorie: Ein Geheimnis konnte auch verraten, wer an sich bekannte Details zu einem neuen Bild mosaikhaft zusammenfügte.

Langsam, aber sicher geriet die Spiegel-Affäre in ein auch heute noch schwer zu durchleuchtendes Dickicht widersprüchlicher Verlautbarungen der Bundesanwaltschaft und des Verteidigungsministeriums. Am 18. Oktober erklärt Straußens Staatssekretär Hopf den Bundesanwälten: "Der Herr Bundeskanzler ist sehr besorgt und hat sich für ein nachdrückliches Einschreiten ausgesprochen." Die Amerikaner hätten nämlich angedroht, den Deutschen Nato-Geheimnisse künftig nicht mehr zur Verfügung zu stellen - das war die erste der großen Lügen, die den Staatssekretär schließlich sein Amt kosteten; allerdings fiel er sanft: Er wurde Präsident des Bundesrechnungshofs.

Am 23. Oktober tippte Staatsanwalt Buback auf seiner kleinen Schreibmaschine persönlich die Anträge auf Durchsuchung des Spiegel und die Verhaftung der Redakteure. Geschäftsstelle und Kanzlei wurden nicht informiert. Niemand sollte Wind bekommen von dem großen Schlag.

"Einstein", "Dreifuß" und "Viertakt"

So erhielt die auf Augstein angesetzte Observationsgruppe den Tarnnamen "Einstein", leitende Redakteure hießen "Dreifuß", "Viertakt" und "Fünfkampf", Augstein selbst war "Libelle", Autor Ahlers "Fliege", Ko-Autor Schmelz "Wespe". Der neben Augstein hauptbeschuldigte Ahlers konnte in Hamburg nicht dingfest gemacht werden. Er machte mit seiner Frau Urlaub im Hotel "Los Nidos" im spanischen Torremolinos. Dort ließ ihn Strauß über seinen Militärattaché in Madrid, Oberst Achim Oster, der die spanische Polizei mit falschen Angaben mobilisierte, nachts um drei Uhr festnehmen.

Kompetenzüberschreitung und Amtsmissbrauch kamen durch Straußens Befehle an Oster klar zu Tage. Der Minister nächtens am Telefon: "Herr Oberst Oster, ich komme soeben vom Bundeskanzler, und dies, was ich jetzt sage, ist ein dienstlicher Befehl zugleich im Namen des Bundeskanzlers." Es sei "von entscheidender Bedeutung", dass Ahlers so schnell wie möglich festgesetzt werde, damit der Generalbundesanwalt erfahre, wo das Loch im Verteidigungsministerium sei. Augstein sei schon in Kuba. Das Reizwort "Kuba" stammte vermutlich aus einem abgehörten Telefonat, in dem der Spanienurlauber Ahlers den Chefredakteur Jacobi gefragt hatte, ob er wegen der Kubakrise zurückkommen solle. Daraufhin Jacobi: "Nicht nötig, Rudolf hat schon was gemacht."