Insolventes Münchner Boulevardblatt "Ich will keinen Gewinn machen mit der Abendzeitung"

Der neue Verleger wird sich mit sehr viel weniger Kosten konfrontiert sehen. Das hat damit zu tun, dass das Insolvenzrecht neue Möglichkeiten eröffnet, bestehende Verträge neu zu verhandeln. Zudem kann Balle eigene Ressourcen nutzen - in der Verwaltung wie auch der Herstellung. Er kündigte an, auf eigenen Druckmaschinen produzieren zu wollen, was die Investitionen senkt, die Druckerei der Frankfurter Societät in Maisach aber in Schwierigkeiten bringen wird: Der Auftrag der Abendzeitung war mit knapp 140.000 Exemplaren der größte der Druckerei. Für die AZ bedeutet der Wechsel der Druckerei auch ein Formatwechsel auf das kleinere, sogenannte Berliner Format, in dem auch Balles Blätter der Zeitungs- und Mediengruppe Straubinger Tagblatt/Landshuter Zeitung erscheinen.

Von den 94 Mitarbeitern will der Verleger in einem ersten Schritt etwa 25 übernehmen, erklärte Balle am Dienstag. Das schließe aber nicht aus, dass er später, wenn es gut laufe, mehr Mitarbeitern ein Angebot machen könnte - wenn diese wollten. Kündigen muss der neue Besitzer keinem der Mitarbeiter, da die meisten Ende Mai das Angebot angenommen hatten, von 30. Juni an in eine Transfergesellschaft zu wechseln. Damit ist ihnen vier Monate lang ein Einkommen gesichert. Mitarbeiter der AZ sind sie dann aber nicht mehr, Balle müsste sie bei Übernahme neu einstellen.

"Ich will keinen Gewinn machen"

"Ich will keinen Gewinn machen mit der Abendzeitung", sagte Balle, der seinen Kauf vor allem als Zeichen versteht, dass er an Print glaubt. Es reiche ihm, wenn er die AZ kostendeckend führen könne. Das habe er sehr genau geprüft, das gehe. Mindestens ein Jahr wollen er und sein Partner Dietrich von Boetticher, der minderheitsbeteiligt ist, dem Boulevardblatt Zeit geben.

Wie er die Abendzeitung konkret fortführen will, dazu äußerte sich Balle vorerst nicht näher. Sicherlich aber werde er versuchen, da, wo es sinnvoll ist, Texte für den überregionalen Teil aus seinem Straubinger Tagblatt zu übernehmen, erklärte er. Dass dessen konservative politische Richtung sich doch sehr von der linksliberalen der Abendzeitung unterscheidet, sieht er nicht als Problem. Er sehe seine neue Zeitung "nicht als links oder rechts, sondern vor allem als münchnerisch". Zudem stehe sein Mitherausgeber durch sein früheres Engagement beim linksliberalen Luchterhand Literaturverlag für eine Farbe des politischen Spektrums, die gut zur AZ passe.

Alsbald wolle er sich und seine Pläne den Mitarbeitern der Abendzeitung vorstellen, sagte Balle, dem die Zeitung gar nicht so unbekannt sei, wie viele meinten. Immerhin habe er als Vorbereitung auf seine spätere Verlegertätigkeit in Niederbayern Mitte der neunziger Jahre 13 Monate lang in dem Münchner Verlag hospitiert.