In eigener Sache Wie lautet der wirkliche Name des Amokläufers von München?

Doch die belastbaren Tatsachen schälen sich erst allmählich aus dem Wust an Informationen heraus, die minütlich auf die Redaktion einprasseln. Vieles lässt sich erst nach mehreren Tagen wirklich klären - das ist keine böse Absicht, das heißt nicht, dass die SZ etwas verschweigen will, sondern: Sie weiß es einfach nicht. Genauso wenig wie die Ermittler.

Ein Beispiel: Wie lautet der Name des Amokläufers von München? Heißt der Mann nun David S., wie ihn die SZ nennt, oder Ali David S., so wie ihn andere Medien nennen? Oder gar Ali Dawoud S., in arabischer Schreibweise, wie er in manchen Mails an die SZ genannt wird, in denen erregt gefragt wird, warum wir seinen echten Namen verschweigen. Die SZ hat die Frage des Namens bereits am Morgen nach dem Amoklauf mit amtlichen Stellen erörtert. Die Antwort: In seinem Reisepass steht David S. Seine Schulkameraden nannten ihn aber Ali. Erst sechs Tage später stellte sich heraus, dass der Amokläufer erst Anfang Mai seinen Namen in allen amtlichen Dokumenten in David hat ändern lassen - direkt nachdem er volljährig geworden war. Von einem Dawoud jedoch war noch nie etwas zu lesen - das entspringt eher dem Wunsch mancher Bürger, den Amokläufer zusätzlich als Fremden zu markieren. Geboren und aufgewachsen ist der Mann in München.

Ethische Bedenken stehen oft dem Informationsbedürfnis der Leser entgegen

Und der Familienname? Auch seinen Familiennamen kennt die SZ, aber wir schreiben ihn nicht - im Gegensatz zum Beispiel zur Bild-Zeitung. Diesen Namen nennen wir ganz bewusst nicht. Denn der Amokläufer hat einen Vater, eine Mutter und einen kleinen Bruder, die unter diesem Namen weiter leben müssen. Vermutlich wird sich die Familie nicht in ihrer Wohnung, in den Arbeitsstellen halten können. Vermutlich wird sie wegziehen müssen. Das ist schwer genug. Die SZ möchte diese Familie nicht noch dadurch stigmatisieren, dass sie ständig ihren vollen Namen nennt.

Für diese Fragen gibt es keine vorgefertigten Antworten. Kein Rezept, das immer passt. Und natürlich kann man die Frage stellen, warum wir dann den Namen des Germanwings-Piloten Andreas Lubitz genannt haben, der ein Flugzeug mit 150 Menschen an Bord in den Alpen zerschellen ließ. Die SZ hat den Namen ausgeschrieben, weil es sich um ein bis dahin noch nie dagewesenes Verbrechen handelte. Aber natürlich wird auch innerhalb der Redaktion über diese Frage diskutiert. Auch den Namen von Anders Behring Breivik nennen wir - weil er in Norwegen überall mit vollem Namen genannt wird. Den Familiennamen des Winnenden-Attentäters Tim K. schreiben wir nicht, weil auch in diesem Fall aus unserer Sicht der Schutz der Familie vorgeht. Wir sind zurückhaltend, obwohl all diese Namen natürlich im Internet zu finden sind.

Beim Zeigen von Bildern von Attentätern verfahren wir ähnlich: so viel wie nötig, nicht mehr als nötig. Aber wir entscheiden nicht wie die französische Zeitung Le Monde, dass wir gar keine Bilder mehr von Attentätern zeigen.

Journalismus ist Abwägungsache. Ethische Bedenken stehen oft dem Informationsbedürfnis der Leser entgegen. Und die Abwägung muss nicht wie vor Gericht nach langem Nachdenken und in endlosen Sitzungen erfolgen, sondern in Minutenschnelle. Eine Situation, in der Fehler gemacht werden. In der man aber auch Fehler so gut es geht vermeiden muss. Oder sich korrigieren muss, wenn es Fehler gab. Transparenz ist wichtig und Verantwortungsbewusstsein: Denn natürlich wollen wir durch unsere Berichterstattung niemanden zu Nachahmungstaten animieren. Aber das Verschweigen von schrecklichen Taten ist keine Lösung. Und es hat nichts mit Journalismus zu tun.

Bei all dem sind wir uns bewusst: Die SZ wird nicht als Aufputsch-Mittel gebraucht, um die Aufgeregtheit noch zu verstärken, sondern als verlässliche Leitschnur durch das unübersichtliche Chaos der Meldungen. Alles andere können die Leser dann ganz allein.

Ali und David

Er wechselte seinen Namen, weil er sich selbst nicht mochte. Über einen, der Wirklichkeit und Wahn nicht unterscheiden konnte. Von M. Bernstein und S. Wimmer mehr...