Hurrikan in den Medien Zu viel Wind um "Irma"?

Wie viel Wasser im Gesicht braucht Journalismus?

(Foto: CNN/Screenshot)

Stürme sind große Stunden des Live-Mediums Fernsehen. Reporter vor Ort sollten dabei nicht nur den Stürmen, sondern auch den Inszenierungen die Stirn bieten.

Von Gerhard Matzig

Die rechte Hand umklammert das Mikrofon. Mit der linken Hand hält sich der Amerika-Korrespondent der ARD, Jan Philipp Burgard, am Balkongeländer im Obergeschoss fest. Schwankend. Als befände er sich nicht in Miami, sondern, umtost von stürmischen Böen, auf hoher See und somit in Gottes Hand. Seine Regenjacke trieft vor Nässe, und die Frisur ist sowieso ruiniert. Selbst Drei-Wetter-Taft ("für perfekten Halt bei jedem Wetter") könnte da nichts mehr retten.

Wie auch, ein Hurrikan ist ja kein Wetterwitz, sondern eine lebensbedrohliche Gefahr. Irma hat Tod, Flucht, Elend und Plünderei über die USA gebracht. Und anderswo toben noch apokalyptischere Naturgewalten, wobei das mediale Blitzlichtgewitter die Welt nicht überall ausleuchtet. Übrigens ist unter dem sturmgepeitschten Reporter das Wort "live" zu lesen. Das war am Sonntag in der Tagesschau. Seither wurde die Schalte nach Miami allein über Facebook hunderttausendfach aufgerufen und kommentiert, auch wegen dieses dadaistischen Dialogs zwischen dem Studio in Deutschland und Miami. Studio: "Was spürt man vom Hurrikan?" Burgard müsste jetzt sagen: "Siehst du nicht, dass ich beinahe vom Balkon fliege?" Aber artig antwortet er: "heftige Böen". Studio: "Wie haben sich die Menschen in Sicherheit gebracht?" Die angemessene Antwort wäre: "indem sie nicht wie irre Draufgänger aufsehenerregend auf dem Balkon herumstehen".

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Eine extreme Wetterlage: Das ist Kaiserwetter für das Live-Medium Fernsehen. Bei Stürmen, Eisregen oder Fluten stehen Reporter aus aller Welt mit puscheligen Großmikrofonen trotzend in den Naturgewalten. Burgard allerdings ist dabei vom Regen in die Traufe beziehungsweise vom Hurrikan in den digitalen Shitstorm geraten. Nicht etwa, weil man Burgard (über den die ARD auch noch "Schwere Stürme stoppen unsere Korrespondenten nicht" getwittert hat) sein zwischen Heroik und Slapstick schillerndes Berichten vorwerfen würde; aber man fragt sich an so einem stürmischen Wochenende, ob so mancher Sender nicht ein bisschen zu viel Wind macht mit diesem Live-aus-dem-Auge-des-Hurrikans-Report.

Wie viel Wasser im Gesicht braucht man für ein Statement?

Dabei geht es noch dramatischer. Derek Van Dam berichtete für CNN und trug dabei sicherheitshalber eine Taucherbrille. Mike Bettes (The Weather Channel) ging rückwärts wegen der Böen. Und wegen des Windes war er auch kaum zu verstehen. Einmal schrie er "look at that", dann wieder "oh god". Das alles erinnert weniger an Egon Erwin Kischs "rasenden Reporter", dafür aber stark an den Katastrophenfilm The Day After Tomorrow, wo ein Medienmensch in L. A. von einem herumfliegenden Bus geplättet wird.

Andererseits gehört es zum Wesen des Journalismus, dabei zu sein. Sich selbst ein Bild zu machen. Reporter sind die, die draußen sind. Das ist schon deshalb gut, weil das ein Mittel gegen Fake News oder digitales Hörensagen ist. Reporter machen also ihre Arbeit, wenn sie "live" sind. Aber wie viel Wasser im Gesicht ist nötig für ein Statement gegen alternative Fakten?

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Jan Böhmermann hat mal in einer Show erzählt, dass ihm seine diversen Jobs (Stricher, Drogendealer und Auftragskiller) zu seriös und spießig waren - "so wurde ich Außenreporter". Reporter sind keine Karikaturen, aber dann sollten sie nicht nur den Stürmen, sondern auch den Inszenierungen die Stirn bieten.