Holocaust-Zeitzeugen in "Die Quellen sprechen" Die Wucht der Geschichte

Es ist die umfassendste Holocaust-Dokumentation in der Geschichte des deutschen Rundfunks: Der BR produziert in Zusammenarbeit mit dem Institut für Zeitgeschichte und dem Oldenbourg-Verlag die Höredition "Die Quellen sprechen".

Von Stefan Fischer

An einem konkreten Beispiel, an einer einzelnen Begebenheit oder an einem winzigen Detail lässt sich das Grundsätzliche oft viel präziser beobachten, als wenn man aus der Distanz auf das große Ganze blickt. Seit einigen Jahren bedient sich auch die Geschichtsschreibung dieser Methode, speziell die Forschung zur Schoah. Eine herausragende Stellung nimmt hier eine auf 16 Bände angelegte Edition des Oldenbourg-Verlags ein, die bis 2017 komplett vorliegen soll: Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933 - 1945.

In jedem Band werden rund 300 Dokumente veröffentlicht, jeweils etwa zur Hälfte von Tätern wie von Opfern - Tagebucheinträge, Zeitungsartikel, Flugblätter, Aktennotizen. Aus ihnen geht unmittelbar und anschaulich hervor, was in Gesetzestexten oder Politikerreden der Nazi-Diktatur bei aller Ungeheuerlichkeit doch immer nur abstrakt bleibt. Aus Zahlen werden Einzelschicksale, die durch ihren exemplarischen Charakter das zugrunde liegende System des Terrors veranschaulichen. Die Qualität der Edition liegt in der sorgsamen Auswahl der Dokumente.

Diese Edition erfährt nun eine mutige und dabei überzeugende Transformation. Der Bayerische Rundfunk, namentlich die Redaktion Hörspiel und Medienkunst, produziert die dokumentarische Höredition Die Quellen sprechen. Sie ist in enger Zusammenarbeit mit dem in München beheimateten Institut für Zeitgeschichte und dem Oldenbourg-Verlag entstanden. In dieser Audiofassung - auch sie wird erst in vier Jahren abgeschlossen sein - sollen rund ein Zehntel der Dokumente vertont werden. Außerdem beinhaltet die Höredition die Reihe Diskurs, in der die beteiligten Historiker debattieren, aber auch Ulrich Gerhardt, der Regisseur der ersten Staffel, und Carsten Schmidt, ein Spezialist für Schellack-Aufnahmen jüdischer Musiker. Es gibt eine zweite Reihe: Zeitzeugen. In ihr erzählen die überlebenden Juden, die in Die Quellen sprechen Dokumente fremder Autoren verlesen, ihre eigene Geschichte - manche von ihnen zum ersten Mal.

Die ersten Radiosendungen sind von Freitag an zu hören, die zugehörige Website, die das Zentrum dieser Höredition darstellt, ist schon jetzt zugänglich. Mutig ist die Höredition - der Redaktionsleiter Herbert Kapfer und seine Kollegin Katarina Agathos sprechen bewusst nicht von einem Hörspiel -, weil sie "an die Grenzen der Darstellbarkeit" führt, so Kapfer. Er und Agathos verfügen über viel Erfahrung in der Inszenierung umfangreichen Materials. Das ist gut so, denn hier geht es neben der schieren Masse dessen, was zu bewältigen ist, immer auch um die dafür angemessene Erzählhaltung.

Nüchterner, möglichst emotionsfreier Ton

Für Die Quellen sprechen haben die beiden verantwortlichen Redakteure, so berichten sie, länger als für jedes andere Projekt darum gerungen. Herbert Kapfer spricht von "einem Lehrjahr der Formensuche". Sie haben vieles ausprobiert, viele Gespräche geführt, darunter mit Vertretern des hauseigenen Symphonieorchesters und dem Musikdokumentar Schmidt. Ja, sie zogen in Erwägung, Kompositionsaufträge zu vergeben. Und schließlich fiel ihre Entscheidung: Es wird keine Musik geben in Die Quellen sprechen. Nur den puren Text.

Die beiden Schauspieler Matthias Brandt und Bibiana Beglau lesen in der ersten Staffel die Mehrzahl der Dokumente, wobei sie etwas unterlassen: zu schauspielern. Der Regisseur Ulrich Gerhardt hat ihre Vorträge reduziert auf einen nüchternen, möglichst emotionsfreien Ton. Einige der Opferdokumente werden von Zeitzeugen gelesen, von überlebenden Juden, darunter Anita Lasker-Wallfisch, Ruth Klüger, Max Mannheimer, Ari Rath, Marcel Reich-Ranicki.

Die Wucht dieser Aufnahmen, die der Schauspieler ebenso wie die der Zeitzeugen, ist gewaltig. Das liegt eben nicht nur am Inhalt, sondern an dieser direkten Form der Übermittlung. Überdies ermöglicht die chronologische Anordnung der Dokumente eine Ahnung von der zeitgenössischen Wahrnehmung der Ereignisse.

Man stößt dabei auf Widersprüchliches, erkennt auch Ambivalentes. Es gibt zum Beispiel den Beschwerdebrief einer Mutter, die gar nicht damit einverstanden ist, dass ihr 15-jähriger Sohn nächtens an Kommandoaktionen der Hitlerjugend teilnimmt. Es ist eine Auflehnung aus falschen Motiven: Dass ihr Sohn antisemitische Schmierereien anbringt, stört die Frau nicht. Ihr geht es um die Untergrabung der mütterlichen Autorität, wenn nicht mehr sie entscheiden kann, wann ihr Sohn das Haus verlässt.

Die große Qualität der Buch-Edition und von Die Quellen sprechen, die vielfältigen Perspektiven auf die Verbrechen an den europäischen Juden, spiegelt sich in der Audiofassung auch in den unterschiedlichen Besetzungen der Produktion wider. Jede der vier Staffeln wird einen anderen Regisseur haben, für die zweite ist Ulrich Lampen vorgesehen. Das Schauspieler-Paar wird dann ein anderes sein, jeder Zeitzeuge hat nur einen Auftritt, sodass am Ende etwa 80 zu hören gewesen sein werden.

Dauerhaft sind die Tondokumente auf der Website die-quellen-sprechen.de hinterlegt, inklusive Nebenreihen, Texten und Fotos. Es ist die umfassendste Holocaust-Dokumentation in der Geschichte des Rundfunks in Deutschland.

Die Quellen sprechen. Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933 - 1945. Sendungen der ersten Staffel (vier Teile) auf Bayern 2: Diskurs, freitags, 21.03 Uhr. Die Quellen sprechen, samstags, 15.05 Uhr. Zeitzeugen, montags, 20.03 Uhr. Website: www.die-quellen-sprechen.de