Hörfunk Sender-Bewusstsein

Eine Kaninschenschlachtung live im Radio? Das wollten die Hörer dann doch nicht und bombardierten den Sender Big FM mit Nachrichten.

(Foto: dpa/Jörg Carstensen)

Bei Big FM sollte ein Moderator ein Kaninchen töten. Nun hat der Sender die Aktion aufgelöst. Das Kaninchen lebt. Es sei um Bewusstsein gegangen, heißt es. Nur wofür eigentlich?

Von Martin Schneider

Das Kaninchen darf leben. Rob Green, Radio-Moderator beim Sender Big FM, wird es nicht schlachten. Er sagt, er habe es auch nie vorgehabt. Dabei wurde zuvor tagelang im Radio von kaum etwas anderem geredet. Green sollte das Tier töten, kochen, essen - eine weitere Aufgabe der Aktion "Adrenalin für Rob Green". Regelmäßig stellen Hörer Green Aufgaben: Einmal sollte er Arabisch lernen, einmal wurden ihm Schmerzen vergleichbar mit den Geburtswehen einer Frau zugefügt - alles kein Problem. Bei der Kaninchen-Aktion hagelte es dagegen Proteste. Mit einer Online-Petition wollten 86 000 Menschen die Schlachtung verhindern, Rob Green bekam Hass-Kommentare in einem laut Sender "mehr als bedenklichem Ausmaß".

Der Sender löste am Donnerstag die Aktion auf, das Kaninchen kommt ins Tierheim. Alles war von Anfang an mit Tierschutzverbänden abgestimmt. Es sei darum gegangen zu vermitteln, woher das Filet im Supermarkt komme, teilte Big FM mit. Und Moderator Green sagte: "Wer Fleisch isst, so wie ich, muss sich auch mit dem Tod des Tieres auseinandersetzen."

Für ein gutes MA-Ergebnis muss man beim Hörer präsent sein

Das können die tatsächlichen Beweggründe sein, doch interessanterweise läuft derzeit wieder die sogenannte Media-Analyse für Radiosender. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Sender in dieser wichtigen Zeit mit kontroversen Aktionen für sich wirbt. Seit 1972 ermittelt die Erhebung, wie viele und welche Menschen welchen Radiosender hören. Erhoben wird die Zahl von der Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse (Agma), einem Forschungsverbund aus 230 Unternehmen der Werbe- und Medienbranche. Insgesamt 65 000 Telefoninterviews führt die Agma dafür durch. Das Ergebnis ist für die Sender bares Geld. Denn je mehr Hörer laut Erhebung, desto mehr Geld dürfen sie für Werbeblöcke verlangen, besonders für ein Privatradio wie Big FM ist das natürlich sehr wichtig.

Die Zahlen werden in zwei Wellen erhoben, von Januar bis Mitte April und von September bis Mitte Dezember. Um ein gutes Ergebnis zu erzielen, muss man vor allem zu Beginn bei potenziellen Hörern präsent sein, damit die sich bei der Befragung an den Sendernamen erinnern können. Rein wirtschaftlich gesehen sind also Anfang Januar und Anfang September die besten Zeiten für medienwirksame Aktionen.

Big FM bestreitet einen Zusammenhang. "Es wird immer irgendwas gemessen. Das hat keine Rolle gespielt", sagt ein Sprecher auf Nachfrage. Er sagt aber auch: "Natürlich war uns klar, dass das kontrovers diskutiert wird."

Das Radioprogramm ist voller Inszenierungen, die sich über die Jahre wiederholen. Etwa: Ein Lied wird in Dauerschleife gespielt und der Sender tischt abenteuerliche Erklärungen auf, wie es dazu kommen konnte. Oft sind es aber einfache Gewinnspiele, bei denen zum Beispiel wahllos eine Telefonnummer angerufen wird. Wenn der Angerufene sich mit "Ich höre Radio XY" meldet, gewinnt er einen hohen Geldbetrag. Beim Privatradio Antenne Niedersachsen läuft seit dem 7. Januar so ein Gewinnspiel, das das System der Media-Analyse, die ja auch per Telefon nach den Radiosendern fragt, quasi kopiert. Wenn das Telefon klingelt, soll man an Antenne Niedersachsen denken, so das Kalkül.

Manche gehen noch weiter: Der öffentlich-rechtliche Sender Eins Live berichtete im Oktober 2015 vom Tod einer Hörerin, was sich später als Hörspiel entpuppte. In einer Erklärung hieß es danach ehrlicherweise, man habe "Aufmerksamkeit für das Genre Hörspiel" erzeugen wollen und "Aufmerksamkeit für kritischen Umgang mit Medien - grundsätzlich sollte man jede Information, egal in welchem Medium, hinterfragen."