Hörfunk Neutrale Stimme

Verblassendes Relikt: Ein Radio aus den 30er Jahren - der Zeit, in der Radio Schweden begann, auf Deutsch auszustrahlen.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Radio Schweden wollte während des Zweiten Weltkriegs auch Hörer im Ausland möglichst umfassend über die Ereignisse informieren. Jetzt hat der deutsche Dienst seinen Betrieb eingestellt.

Von Silke Bigalke

Im September 1939 bricht der Zweite Weltkrieg aus, die noch unbekannte Schwedin Astrid Lindgren beginnt ihr Kriegstagebuch zu schreiben und Radio Schweden, Sveriges Radio (SR), sendet kurz darauf auf Deutsch, Englisch und Französisch ins Ausland. Die Nachrichten schreibt damals das schwedische Außenministerium. Im Dezember 1939 etwa, nach dem Angriff der Sowjets auf Finnland, stellt Radio Schweden auf Deutsch klar, dass "die öffentliche Meinung hier in Schweden einmütig die Tätigkeit der Kommunisten verurteilt". Was als Informationsinitiative im Krieg begann, hielt 76 Jahre. Nun hat SR den deutschen sowie den russischen Dienst eingestellt, "Überbleibsel des alten Auslandsdienstes", wie Redaktionsleiter Ingemar Löfgren sie auf der Internetseite des Senders nennt. Die deutsche Redaktion hat zum Abschied in ihren Archiven gekramt.

Dass gerade Deutsch und Russisch bis zuletzt übrig geblieben sind, liegt wohl an der Geschichte des Senders. Schweden hat sich stets als neutral betrachtet, sich nicht nur aus dem Zweiten Weltkrieg weitgehend herausgehalten. Während des Kalten Krieges verstand sich Radio Schweden als "neutrale Stimme zwischen den Blöcken". 2010 wurden Kurz- und Mittelwelle eingestellt, die Sendungen für das Ausland ins Internet verlegt. Die Internetseite der deutschen Redaktion hatte laut Pressestelle zuletzt 4600 Nutzer pro Woche, etwa 400 hörten sich den deutschen Podcast an. "Vor langer Zeit hatten die Auslandsdienste eine Mission, wir sendeten für Menschen hinter dem Eisernen Vorhang", sagt Elle-Kari Höjeberg, die die Sendekanäle von Sveriges Radio managt. Heute wolle man die Menschen unterstützen, "die unfreiwillig nach Schweden gekommen sind", also Flüchtlinge. Die einzigen Sprachen außer Schwedisch sind nun Somali, Arabisch, Persisch, Kurdisch und Englisch.

Redakteur Dieter Weiand sagt, das Ende sei absehbar gewesen: "Wenn die Stilllegung vor ein paar Jahren gekommen wäre, hätte ich gesagt: Klar, Europa ist eins. Aber jetzt ist der Zeitpunkt schlecht gewählt, weil Europa auseinanderdriftet." Die Redaktion habe stets die Freiheit gehabt, zu berichten, was ihr wichtig war - und nicht, was dem Klischee von Schweden entspricht. "Wir wurden sogar manchmal von Schweden-Fans angefeindet, weil wir Schweden angeblich schlechtredeten." Alle Kollegen seien innerhalb des Senders untergekommen.