Hörfunk Die Schatzinsel

Das Radio ist im Vergleich zum quotenoptimierten Fernsehen bis heute eine Spielwiese für Autoren und leistet sich mit dem Genre Hörspiel eine eigene Kunstgattung. Wenige zeigen derzeit besser als Mariola Brillowska, was hier möglich ist.

Von Stefan Fischer

Die Wurst ist die Zigarette von morgen. Morgen wird eine sich fleischlos ernährende Mehrheit durchsetzen, dass in Restaurants keine Schnitzel mehr verzehrt werden dürfen. Nur noch auf den Bürgersteigen davor. So weit wird es nie kommen? Nun, Mariola Brillowska hat noch ganz andere Ideen. In ihrem Hörspiel Die Gaumler bekommen die Menschen überhaupt keine Mahlzeiten mehr. Weil sie es mit der Ernährung in jeder Hinsicht übertrieben haben, gibt es nur noch abgezählte Pillen. Die Gaumler treffen sich heimlich zum Kochen.

Am verbotenen Herd dieser Geschichte steht die Kunstfigur Mariola, die nur schwer zu trennen ist von der realen Medienkünstlerin Brillowska. Regelmäßig überschäumend. Immer bereit, sich zu blamieren, immer bereit, sich angreifbar zu machen. In all ihren Stücken steckt ungemein viel Selbstironie und Anarchie: Die in Polen geborene, seit den 1980er-Jahren in Hamburg heimisch gewordene Brillowska ist derzeit die aufgedrehteste, die komischste und womöglich die interessanteste Hörspielmacherin des Landes.

Unter den öffentlich-rechtlichen Programmen nimmt das Hörspiel eine besondere Stellung ein. Es gehört zu den Formaten mit dem größten Prestige, in der gesamten ARD sowie im Deutschlandradio entstehen jede Woche nach wie vor vier bis fünf Neuproduktionen. Das Hörspiel ist eine Kunstgattung, der öffentlich-rechtliche Rundfunk wird hier zum Kulturproduzenten wie sonst beim Film. Verglichen mit einem Tatort erreichen die Stücke natürlich nur ein kleines Publikum - verglichen mit einer Theaterinszenierung aber ein riesiges: mehrere Zehntausend, manchmal mehr als hunderttausend Hörer.

Mariola Brillowska weiß genau, was sie an diesem Medium hat. Sie realisiert auch Filme, aber nicht fürs deutsche Fernsehen, daran glaubt sie nicht: "Man kriegt die Redakteure gar nicht mehr ans Telefon", sagt sie. Einmal habe sie zu hören bekommen: "Wenn ich ihr Projekt fördere, verliere ich meinen Job." Die Fernsehredakteure haben Angst vor ihren Vorgesetzten, die wiederum Angst vor den Zuschauern haben und ihnen deshalb immer weniger zumuten - das ist zumindest ihr Eindruck.

Im Hörspiel geht vieles, was beim Film die besorgten Redakteure auf den Plan rufen würde

Die Themen, von denen Mariola Brillowska erzählen möchte, eigneten sich allesamt auch für sozialkritische Features. Sie aber reagiert darauf mit Humor. Sie selbst sagt: "Ich ironisiere die Dinge, dadurch werden sie entkräftet und entfesselt. Im Hörspiel kann man allein durch die Tonalität klarmachen: Das ist nicht so ernst gemeint." Ihre Komik darf man nicht mit Substanzlosigkeit verwechseln.

Das Radio ist im Vergleich zum quotenoptimierten Fernsehen noch eine Spielwiese. Im Hörspiel werden Komödie, Satire und Groteske weiterhin als subversive Genres gepflegt. Eugen Egner etwa, bis heute der Titanic eng verbunden, schreibt fürs Radio verquere Nonsense-Stücke (Aldartenrahl am Donnerstag bei WDR 3). Oder Thilo Gosejohann: Er liefert lustigen Monster-Trash. Vor drei Jahren hat Mariola Brillowska die Gattung für sich entdeckt.

SWR 2 sendet am Dienstag ihr Kurzhörspiel Gold. Darin reisen Mutter und Tochter Brillowska umständlich mit dem Zug und der Fähre auf die Kanaren - nähmen sie ein Flugzeug, käme ihnen der Zoll leichter auf die Schliche. Sie wollen dort Goldbarren verscharren und sie wieder ausgraben, wenn der Kurs des Edelmetalls steigt. Alles an der Steuer vorbei, natürlich. Die beiden chaotischen Laien wollen dabei als Profis erscheinen, was ihn aber gründlich misslingt: Sie bieten dieses geldwerte Versteckspiel als Dienstleistung an.

Ein Aufruf zur Steuerhinterziehung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk? Im Hörspiel sind viele Dinge kein Problem, die im Fernsehfilm den besorgten Redakteur auf den Plan rufen würden. Es nimmt sich und sein Publikum seit jeher ernst. Und hat sich dadurch eine aufgeschlossene, offenkundig auch ironiebegabte Zuhörerschaft bewahrt. Gold ist wie etliche andere von Mariola Brillowskas Produktionen auch im Stil einer Mockumentary aufgezogen: Das Hörspiel geriert sich dokumentarisch, ist aber eine einzige Spötterei mit zahlreichen Ausflügen ins Absurde. Wer hier etwas für bare Münze nimmt, ist selbst schuld und wird radiotypisch nicht vorsorglich vor sich selbst geschützt: Hörspiel will mitunter auch eine Zumutung sein und sichert sich nicht ständig nach allen Seiten ab. Es ist eines der teuersten Programme, das der Rundfunk sich leistet. Gefälliges könnte man billiger haben.

Selbst in diesem aufgeschlossenen Arbeitsumfeld bewahrt Mariola Brillowska sich ihre Freiheiten. Viele ihrer Hörspiele, vor allem die kürzeren, produziert sie selbst in ihrem Studio - und versucht sie dann an Sender zu verkaufen. Sie hat ihr eigenes Team; Menschen, mit denen sie gern zusammenarbeitet, wenn sie sich nicht gerade mit ihnen überworfen hat.

In den Radio-Mediatheken von WDR, NDR und BR findet man ihre im Auftrag der Öffentlich-Rechtlichen produzierten Hörspiele: Danziger Tassen zum Beispiel ist ein wüster autobiografischer Roadtrip in die Vergangenheit, Radio Las Vegas das Kondensat einer irrwitzigen Late-Night-Show, die Brillowska mit Günter Reznicek Ende der 1990er-Jahre im offenen Kanal Freies Sender Kombinat veranstaltet hat. Beim Online-Musikdienst Soundcloud hat sie inzwischen beinahe 50 ihrer ohne Auftrag produzierten Stücke eingestellt, die man dort kostenlos anhören kann.

Dieser Tage hat Brillowska Vulkan hochgeladen, den zweiten Teil einer Trilogie, die mit Gold beginnt. Der Ausflug ist hier noch irrwitziger und der Lohn noch verlockender als ein steuerfreier Spekulationsgewinn. Vorher gilt es, radioaktiv verseuchte Schuhsohlen auszukochen und sich ein paar Schnürsenkel dazuzuverdienen. Die Einfälle erinnern an Das Kaufhaus am Meer: Damit hat Brillowska 2014 den ARD-Kurzhörspielwettbewerb gewonnen. Die Kunden dieses Geschäfts haben absonderliche Wünsche - und bekommt sie erfüllt.