Hessen-Tatort "Im Schmerz geboren" Eine Zumutung? Ein Geschenk!

Richard Harloff (Ulrich Matthes, links) und Felix Murot (Ulrich Tukur) im neuen Tatort

(Foto: HR/Philip Sichler)

Ulrich Tukur gegen Ulrich Matthes, Gut gegen Böse, Askese gegen Pausbäckigkeit: Dieser "Tatort" ist eine Inszenierung voller Präzision. Manchmal wird die wilde Reise durch die Geschichte dennoch kurz unterbrochen.

Von Holger Gertz

Dieser Tatort ist natürlich eine Zumutung, einerseits. Motive und Ideen von Truffaut, Leone und Tarantino. Nabuccos Gefangenenchor über den Bildern einer Schießerei vorm Wiesbadener Casino. Gemälde im Frankfurter Städel, die langsam wach werden und zu atmen beginnen - während die Menschen sterben. 47 Tote gibt es in der HR-Episode "Im Schmerz geboren", die ersten drei heißen - mit Grüßen an Hamlet - Marcellus, Claudius, Polonius.

Ein Krimi voller Anspielungen, Bezüge und Querverweise kann ehrgeizig wirken, und Ehrgeiz erreicht das Herz der Leute ja nie. Regisseur Florian Schwarz und Autor Michael Proehl allerdings erzählen eine Geschichte, die von den vielen Zitaten bereichert und beflügelt, nicht erdrückt wird. Jeder Irrsinn wird geerdet durch Sequenzen, in denen LKA-Mann Felix Murot mit seiner Assistentin Wächter den Kriminalistenalltag erlebt: Kaffee kochen, Kaffee trinken. Kommissarfragen stellen. Kaffeemaschine ratlos anschauen. Die Routine, aus der sonst ganze Tatorte bestehen, wird hier neu definiert: Sie ist ein Schutzraum, in den man sich als Zuschauer kurz zurückziehen kann, ehe die wilde Reise dieser Geschichte weitergeht.

Ein Mann ist der Böse, Richard Harloff heißt er, gespielt von Ulrich Matthes. Ulrich Tukurs Murot ist wie immer der Gute. Harloff und Murot hatten eine gemeinsame Geliebte, es gibt in ihrer Geschichte diesen einen Punkt, von dem an sich alles dreht. Und obwohl sie sich 30 Jahre lang nicht gesehen haben, hat sich das Gute des einen Mannes auf Kosten des anderen herausgebildet, und der Böse wäre vielleicht nicht böse geworden, wenn der Gute ihm nicht begegnet wäre. Harloffs Kalkül gegen Murots Unbefangenheit. Askese gegen Pausbäckigkeit. Harloffs Schmerzen gegen Murots innere Gefasstheit. Die hypnotischen Augen von Matthes gegen den Kinderblick von Tukur.

Limonade durch bunte Strohhalme

Ein Gespräch im Park, sie reden von den Siegen ihres Lebens und verschweigen die Niederlagen zwischen den Siegen. Zwei grandiose Schauspieler tragen ihr privates WM-Endspiel aus, es geht um alles, es ist ja ein Finale. Und aus dem Off kommentiert ein Erzähler: "Murot musste überrascht feststellen, wie er die Nähe eines Menschen genießen konnte, der den Großteil seines Lebens Tod und Verderben über andere Menschen gebracht hatte."

Während sie reden, stehen überall SEK-Männer rum, aber sie kriegen keinen Schießbefehl, sie müssen Limonade trinken, durch bunte Strohhalme, was ihnen nicht gelingt. Die richtigen Albernheiten, die passenden Menschen, Lieder, Worte. Eine Inszenierung voller Präzision, kein Zitat ohne Anschluss an die Story. Am Ende weint kurz Murot, und sogar der Name seiner Assistentin ist mehr als ein Name. Dieser Tatort ist eine Zumutung, einerseits. Vor allem ist er ein Geschenk.

ARD, Sonntag, 20.15 Uhr.

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