HBO-Serie "Big Little Lies" Sieben Stunden dunkles Vergnügen

Vor 20 Jahren wäre diese Botschaft auf der großen Leinwand zu sehen gewesen, im sogenannten goldenen Zeitalter serieller Formate wird diese Geschichte auf sieben Fernsehstunden gestreckt. Serien wie Mad Men, True Detective oder Breaking Bad sind für diese detailreiche Erzählweise gepriesen worden, es gibt mittlerweile sogar einen Begriff dafür: Slow Burn TV - langsam brennendes Fernsehen. Das Problem von Big Little Lies liegt darin, dass das Leben in der scheinbaren Idylle explodieren sollte - bisweilen jedoch flackert die Geschichte derart vor sich hin, dass der Zuschauer ein Stück Holz nachlegen möchte.

Regisseur Jean-Marc Vallée ("Dallas Buyers Club", "Wild") verleiht dem Drehbuch von David Kelley (L.A. Law, Ally McBeal) über Schnitt, Soundtrack (Janis Joplin, Alabama Shakes, Fleetwood Mac) und einen herrlich sarkastischen griechischen Theaterchor der Nebendarsteller einen Rhythmus, der über manch langatmige Passage hinweghilft. Und natürlich liegt es an einigen der besten Schauspielerinnen der Welt, dass diese sieben Stunden zu einem dunklen Vergnügen werden: Nicole Kidman etwa vermittelt in einer Szene bei der Psychologin allein über ihre Mimik ein komplettes Leben, Laura Dern und Shailene Woodley glänzen als neurotische Mütter, Reese Witherspoon schafft eine wunderbare Mischung aus urkomischem Plappermaul und tief verletzter bester Freundin.

Anti-Heldinnen, die bislang meist männlichen Figuren vorbehalten waren

"Ich habe mich bei den Dreharbeiten 25 Jahre lang so gefühlt wie Schlumpfine: Ich war die einzige Frau im Dorf mit mehr als 100 Männern. Jetzt konnte ich mich mit all den Kolleginnen austauschen", sagt Witherspoon beim Gespräch in Los Angeles: "Die Zeiten ändern sich langsam: Der Zuschauer bestimmt seit jeher, was gedreht wird - und die Produzenten begreifen, dass Frauen die mächtigsten Konsumenten sind und damit auch die wichtigste Zielgruppe für Serien. Frauen wollen weibliche Figuren sehen, die nicht nur Ehefrau von oder Mutter von sind, sondern mehr Tiefe haben."

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Natürlich sind die Frauen in Big Little Lies auch Ehefrau von oder Mutter von, sie sind aber jene Anti-Heldinnen, die bislang meist männlichen Figuren (wie in den Serien Mad Men, True Detective oder Breaking Bad) vorbehalten waren. Die Frauen in Big Little Lies toben sich nicht in Stripclubs oder einer Werbeagentur aus, sondern auf dem Schulhof ihrer Kinder. "Es gibt fünf unglaubliche Rollen für Frauen in einem Projekt", sagt Witherspoon: "Wir haben uns die Zeit genommen, all die Geschichten zu erzählen - am Ende der siebten Folge wird deutlich, warum das wichtig und richtig war."

Witherspoon hat Big Little Lies produziert, sie war für Filme wie "Wild" und "Hot Pursuit" verantwortlich und hat sich gemeinsam mit Kidman bereits die Rechte an Moriartys aktuellem Roman "Truly Madly Guilty" gesichert. "Ich will an dieser Veränderung, die in Hollywood gerade stattfindet, aktiv beteiligt sein", sagt sie: "Faszinierende Frauenfiguren darf es nicht nur in unabhängigen Filmen mit Mini-Budget geben, sondern auch in größeren Produktionen. Menschen lernen durch Kunst etwas über das Leben. Sie müssen sich deshalb durch die Figuren in einer Fernsehserie repräsentiert führen."

Die Frauen in Big Little Lies - einer abgeschlossenen Miniserie ohne Druck, bei Erfolg womöglich eine zweite Staffel nachreichen zu müssen - sind überzeichnete Versionen verletzter Frauen, die so jeder kennen dürfte. So wie die männlichen Nebenfiguren überzeichnete Versionen von Vätern sind, die so jeder kennen dürfte. Es ist ein ziemlich düsterer Spiegel, der einem da vorgehalten wird. Das wirklich Wunderbare an Fernsehserien ist freilich, dass der Zuschauer mit einem Glas Wein auf der Couch sitzen und mit dem Finger auf diese Figuren zeigen darf - und keine Angst haben muss, dass jemand den Finger auf ihn selbst richtet.

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