"Hart aber fair" zum NSU-Prozess "Das ist alles nur noch lächerlich"

Das Münchner Gericht hat den NSU-Prozess verschoben. Von einem "Schlag ins Gesicht", spricht Hülya Özdag, die einen Bombenanschlag der Neonazis miterlebte, "grotesken Dilettantismus" nennen das andere Gäste bei Frank Plasberg. Und Zschäpes Verteidigerin Anja Sturm bestätigt: Ihre Mandantin wird schweigen.

Eine TV-Kritik von Anna Fischhaber

"Ich finde das alles nur noch lächerlich", sagt Hülya Özdag. Sie betreibt eine Bäckerei in der Kölner Keupstraße. In der Straße, in der die rechte Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" 2004 eine Bombe mit 800 Nägeln hochgehen ließ. 22 Menschen wurden damals verletzt. Özdag hat die Bombe miterlebt. Die Verdächtigungen miterlebt, denen so viele Angehörige der NSU-Opfer ausgesetzt waren.

Jetzt sitzt sie bei "Hart aber fair" und Frank Plasberg fragt, was die Verschiebung des NSU-Prozesses bedeutet. Für sie. Für die anderen Angehörigen. Özdag ist wütend. "Das ist wieder ein Schlag ins Gesicht", sagt sie. Man habe den Angehörigen Aufklärung und Transparenz versprochen. "Und dann ist eine Panne nach der anderen passiert." Geschredderte Akten, verweigerte Informationen - und jetzt das. Sie schüttelt ungläubig den Kopf. "Ich finde das unverantwortlich."

Es mag peinlich sein, das gibt selbst der bayerische Innenminister zu. Von "groteskem Dilettantismus", spricht Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen mit Blick auf das Akkreditierungsverfahren - auch wenn beide die Verschiebung juristisch nachvollziehbar finden. Der Vorsitzende des NSU-Untersuchungsausschusses, Sebastian Edathy, ist vorsichtiger mit seiner Kritik, gibt aber zu: Säße er jetzt in einer Kneipe, sein Urteil über das Münchner Oberlandesgericht würde vermutlich deutlicher ausgefallen.

Eigentlich hatte die Sendung "Der Nazi-Prozess - sitzt Deutschland mit auf der Anklagebank?" heißen sollen. Eigentlich hätte weniger als 40 Stunden nach der Sendung in München der NSU-Prozess begonnen. Doch dann überschlugen sich am Montagmittag die Ereignisse. Das Gericht verschob den Prozessauftakt kurzerhand auf den 6. Mai. Nach der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom Freitag sei ein neues Akkreditierungsverfahren nicht mehr rechtzeitig zu bewerkstelligen, hieß es zur Begründung. Karlsruhe hatte verlangt, dass auch ausländische Journalisten zum NSU-Prozess zugelassen werden müssen.

Macht sich Deutschland lächerlich?

Auf der Pressekonferenz zeigte sich die Sprecherin einsilbig, der Vorsitzende Richter schickte später seine eigene Sicht der Dinge hinterher: Er gab der eigenen Pressestelle eine Mitschuld. Und die Angehörigen? Die Menschen, die sich mental auf dieses Verfahren eingestellt hatten, die Urlaub genommen und Flüge gebucht hatten? "Eigentlich müssten sie vorab informiert worden sein", sagte die Gerichtssprecherin nur. Und so lautet der Titel von Plasbergs Sendung nun: "Pleite beim Nazi-Prozess - macht sich Deutschland lächerlich?"

Gast des Abends ist Anja Sturm. Die Frau, die die mutmaßliche Terroristin Beate Zschäpe gemeinsam mit zwei Kollegen verteidigt. Der Auftritt, so kurz vor dem eigentlich geplanten Prozessauftakt, sorgt für Aufsehen - auch wenn die drei Verteidiger bereits zahlreiche Interviews gegeben haben und sich Sturm nicht der Diskussion stellt, sondern nur im Einzelgespräch auf Plasberg trifft. Das allerdings dauert dann auch nur fünf Minuten.

Sturm - dunkles Jacket, helle Bluse, roter Lippenstift, kurze blonde Haare und sicherlich keine Gesinnungsverteidigerin - wirkt ein wenig nervös. Doch Plasberg macht es ihr nicht schwer. Was die Verteidigung und Zschäpe selbst von der Prozessverschiebung halten und welche Konsequenzen diese für die Verteidigung habe, fragt er erst gar nicht. Ein wenig bekommt man das Gefühl, das Gespräch wurde von der Aktualität der Ereignisse eingeholt: Die Anwältin darf erzählen, wie sie ihren zwei kleinen Kindern ihren Job erklärt. Man müsse als Strafverteidiger eben gewisse Dinge hinterfragen, sagt Sturm, ganz Juristin. Und sie bestätigt erneut: Beate Zschäpe wird im Prozess schweigen.