"Hart aber fair" zu Brüssel Therapiegruppe Plasberg

Frank Plasberg präsentiert "Hart aber fair" (Bild von 2007).

(Foto: dpa)

Der Versuch, das Unfassbare greifbar zu machen: Frank Plasberg lädt nach dem Terror von Brüssel zu einer Extra-Ausgabe "Hart aber fair". Es wird eine pessimistische Runde.

TV-Kritik von Paul Katzenberger

Die Anschläge von Brüssel sind erst wenige Stunden her. Der Schock sitzt noch tief. Da hebt die ARD schon eine Talkshow zum Thema ins Programm: Frank Plasberg, ansonsten nicht um Zuspitzungen verlegen, meldet sich zu später Stunde mit einem eilends angesetzten "Hart aber fair-Extra", um mit seinen Gästen unter der Überschrift "Angriff auf das Herz Europas - Schutzlos gegen den Terror?" zu diskutieren.

Was kann eine solche Sendung leisten? Um einen Wettkampf der Meinungen kann es an diesem tragischen Tag nicht gehen, das weiß auch der Moderator, der sichtlich bemüht ist, diese Frage gleich in seinem Eingangsstatement zu klären: "Wir wollen reden", sagt Plasberg, "das ändert erstmal nichts, hilft aber vielleicht die eigenen Ängste, die eigenen Gefühle zu verstehen."

Die Gäste erzählen von ihren Gefühlen

Eine Sendung mit kurativer Wirkung soll dieses "Hart aber fair-Extra" also aus Sicht Plasbergs sein, und als eine Art Therapiegruppe startet die Runde auch: Die Gäste erzählen von ihrem eigenen Empfinden an diesem schlimmen Tag - im gegenseitigen Bekenntnis zur eigenen Angst erkennt sich sicher auch mancher Zuschauer wieder. Für ihn sei es ein Tag mit viel Sorge gewesen, berichtet etwa der stellvertretende CDU-Bundesvorsitzende Armin Laschet: "Da hätte jeder sein können, viele Menschen aus Deutschland sind über Brüssel in den Urlaub geflogen."

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Rudolf Dreßler kann an diesem Abend aus erster Hand berichten - er hat den Terror als deutscher Botschafter in Israel während der zweiten Intifada miterlebt. "In dem Moment, wo es einen hautnah berührt, weil in vier Kilometern Entfernung eine Bombe hochgeht, ... da ist man nicht nur geschockt, sondern im Trauma." Rolf-Dieter Krause, der sich als ARD-Studioleiter in Brüssel sehr nah am Ort des Geschehens aufhielt, spricht ebenfalls von "Schock". Die U-Bahnstation Maelbeek, in der die Bombe hochging, sei seine Station auf dem Weg zur Arbeit. "Da sind zehn Minuten vorher Kollegen rausgegangen."

Die Gedanken der grünen Europa-Abgeordneten Terry Reintke, die während des Anschlags in der Station Maelbeek zehn Gehminuten entfernt im Europa-Parlament saß, galten zunächst ebenfalls den Kollegen: "Da fragt man sich natürlich, ob da Menschen darunter waren, die mit mir arbeiten."

Den eigenen Empfindungen folgt das Bekenntnis zur offenen Gesellschaft

Das sind Worte der Trauer und Betroffenheit, die man an einem solchen Tag einfach mal so stehen lassen könnte, doch die Runde denkt auch jetzt schnell einen Schritt weiter. Das liegt zunächst an dem Bekenntnis, das Reintke und Dreßler zur offenen und freien Gesellschaft abgeben, die auch in Zeiten der Gefahr bewahrt werden müsse: "Ich wollte mir mein normales Leben nicht wegbomben lassen", sagt der ehemalige Israel-Botschafter.

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Der Journalist Bruno Schirra packt diesen Gedanken gleich in einen noch größeren gesellschaftlichen Kontext, denn seine Kontakte zum sogenannten "Islamischen Staat" haben ihn offensichtlich stark desillusioniert. Europa werde lernen müssen, mit Menschen in den eigenen Reihen weiterzuleben, die jede Humanitas verloren hätten. Denn Dschihadisten, die im Krieg mit der europäischen Lebensweise stünden, fänden sich nicht nur in Syrien oder im Irak. "Die finden Sie in Pforzheim, in Saarbrücken, in Köln, in Duisburg-Marxloh. Das sind Leute, die sich auf ihrer Mission befinden, und für die nur noch eines gilt: nihilistisches Töten. Ich bin da zwangsläufig Pessimist geworden."