Harald Schmidt nach dem Rausschmiss Schmidtchen schleicht sich

"Mir war das Quoten-Umfeld zu schlecht": Harald Schmidt lässt seiner Kündigung bei Sat 1 in seiner Show spaßige Spekulationen folgen. Er schießt gegen Kollegen - und ist erstaunlich gut drauf. Wer soll ihn bloß ersetzen?

Eine TV-Kritik von Ruth Schneeberger

So also sieht ein Showmaster aus, dem just verkündet wurde, man wolle ihn nicht mehr: Als Harald Schmidt in der Nacht seine erste Late-Night-Show nach Bekanntgabe der Meldung, dass Sat 1 seine Sendung absetzt, moderiert, wirkt er alles andere als übellaunig. Gebrochen? Keinesfalls. Kleinlaut? Sowieso nicht.

"Herzlich willkommen in Ihrem geliebten Powersender" läutet Schmidt eine Sendung voller Anspielungen ein, die sich um seine Entlassung drehen. Anfangs vergleicht er sich selbst mit Fußball und Champions League: "Die Show am 3. Mai ist bereits ausverkauft. Zwei Senderfinale in einem Jahr, das schaffen nicht mal die Bayern. Man hört, die Spiele waren gut, aber die Quoten sollen nicht so gut gewesen sein."

Dann frotzelt er, er habe sich von seinem Sender getrennt, weil ihm das Quoten-Umfeld zu schlecht gewesen sei. Er habe einen befreundeten Jurastudenten gefragt, was man machen könne, um einen Sender rauszuschmeißen. Der habe ihm geraten, es gebe keine andere Möglichkeit, als sich feuern zu lassen. "Ich musste auf Knien bitten und habe noch nie harte Fernsehmanager so weinen sehen."

Schließlich offenbart er wahrheitsgetreu: "Man hat mich gefeuert." Seit dem Vorabend sei er wieder dem freien europäischen Arbeitsmarkt zugeführt worden. "Und bitte kommt mir nicht mit ZDF neo! Das ist ein Sender für arbeitslose Spätpubertierende, die nie den Kapitalismus verstanden haben."

Den Kapitalismus hat er selbst also recht gut verstanden: Quote weg, Show weg, Job weg heißt das bei Sat 1, nachdem Schmidt erst vor einem halben Jahr von der ARD zu dem Sender zurückgekehrt war, der ihm 16 Jahre zuvor den Late-Night-Teppich ausgerollt hatte. Auf dem er mal mehr, mal weniger erfolgreich das Publikum mit seinem Spott bespielt hatte. Trotzdem, oder gerade deshalb, kommt dieses plötzliche Aus nun ziemlich überraschend.

Late-Late-Night

Für Die Harald Schmidt Show war wie für alle vorherigen Schmidt-Formate auf anderen Sendern (Schmidteinander im WDR, Psst in der ARD) eigentlich immer klar gewesen, dass Schmidt nicht die ganz große Masse erreicht, mit der Mario Barth Hallen füllt, dafür aber mit seiner teils feinsinnigen, teils zynischen Satire eine Humor-Elite anspricht, die sonst auf das Fernsehen ganz oder zumindest zu großen Teilen verzichtet. Einen Schmidt musste man sich immer schon leisten können.

Zu seinen Hoch-Zeiten vor zehn Jahren wurde er mit Preisen überhäuft, die Feuilletons waren voll des Lobes. Aber da stimmte die Quote auch noch - einigermaßen. Zur Jahrtausendwende hielt er bei Sat 1 einen Marktanteil von bis zu 16 Prozent. Zuletzt sollen es nur noch fünf bis sieben Prozent gewesen sein.

Schmidt selbst macht dafür offenbar den Sendeplatz verantwortlich: "Was höre ich da? Früher wär' besser?", flüstert er ins Publikum - verbunden mit der Aufforderung, das dem Sender schriftlich mitzuteilen. Zuletzt hatte Sat 1 die Late-Night des Öfteren zu einer Late-Late-Night werden lassen, wenn Schmidt erst kurz vor Mitternacht auf Sendung durfte - anstatt zum eigentlich geplanten Sendestart um 23:15 Uhr. Zur selben Zeit geht bei Pro Sieben der intellektuell harmlosere Late-Night-Talker Stefan Raab dem jüngeren Publikum zur Hand - mit besserer Quote und teils spannenderen Gästen.

Oliver Pocher ist schuld?

Kritiker versuchen indes, sich schnelle Erklärungen für Schmidts Aus zurechtzubiegen - und sie zu rechtfertigen. Der alte Mann und sein Humor hätten sich überlebt, unken die einen über den 54-Jährigen, den sie kurz zuvor noch für seinen schnittigen Neustart bei Sat 1 gelobt hatten.

Oliver Pocher sei schuld, meinen die anderen: Seitdem Schmidt den Blödel-Barden in der ARD kurzzeitig als Sidekick engagiert hatte, um jüngeres Publikum zu erreichen, hätten sich viele alte und echte Fans von ihm abgewendet. Dieselben Kritiker sehnen ausgerechnet Manuel Andrack zurück - den lahmsten Sidekick, den Schmidt je hatte.

Wieder andere unterstellen, es sei die fehlende Haltung, die Schmidt an den Tag lege, die nicht mehr zeitgemäß sei. In Zeiten von Wutbürgertum und Wirtschaftskrise sei ein Mann, der sich über alles und jeden lustig mache, von dem man aber nicht wisse, welche Partei er wähle, fehl am Platz. Weshalb es nicht schade um das Ende seiner Show wäre, weil die Gesellschaft ihn nicht mehr brauche.

Dabei ist genau das Gegenteil der Fall: Wie unter anderem die Sendung am Mitwoch gezeigt hat, wird genau dieser Mann dem deutschen Fernsehen in Zukunft schmerzlich fehlen - Quote hin oder her. Jemand, der es sich leisten kann, noch im Abdanken über sich selbst, über seinen Sender und über Kollegen (Thomas Gottschalk, Günther Jauch) trefflich, ausgelassen und vor allem angstfrei zu scherzen, ein solcher Freigeist wird aktuell und demnächst wohl dringend vermisst werden. Denn wer sollte ihn ersetzen? Stefan Raab? Wohl kaum. Oliver Pocher? Sowieso nicht. Was bleibt, ist Blödelei. Von Intellekt kann im deutschen Fernsehen in Zukunft wohl kaum noch die Rede sein. Zumindest nicht von personell verkörpertem.

Tipps für Gottschalk

Solange Thomas Gottschalk im ARD-Vorabend langweilen kann, ohne abgesetzt zu werden, ist eine Entscheidung wie diese unverständlich. Der frühere Wetten-dass..?-Matador wird Schmidt wohl nachfolgen, über kurz oder lang, in den freien europäischen Arbeitsmarkt. Zuvor hat Schmidt ihm gestern mit Hilfe seines Saalpublikums noch ein paar Tipps mit auf den Weg gegeben, das Aus hinauszuzögern. Das Ergebnis: Reiner Calmund auf dem Sofa, die nackte Micaela Schäfer als Gast und ganz viel neue Studiofarbe. Vielleicht hilft's ja - dem einen oder anderen zu verstehen, wie Fernsehen funktioniert.

Schmidts Zukunft gilt indes als ungewiss. Ob er wieder auf Tournee geht, sich die Haare wieder wachsen lässt, wieder mal bei einem anderen Sender unterkommt oder nie wieder im Fernsehen zu sehen sein wird, abseits des Traumschiffs - das ist alles noch offen. Wer aber den Elan kennt, mit dem Schmidt zuletzt wieder bei der Sache war, im Gegensatz zu den vorherigen Jahren in der ARD, als ein Aus viel folgerichtiger gewesen wäre als jetzt, der ahnt: Aufgeben wird Schmidt noch lange nicht. Dazu besteht auch kein Anlass.

Pokerface

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