"Günther Jauch" über Wladimir Putin Das Rätsel Putin bleibt ungelöst

Unter den Gästen bei Günther Jauch: Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU)

(Foto: dpa)

Vier Männer und Ministerin von der Leyen diskutieren bei Günther Jauch über "Putin, den Großen". Die Frage, wie gefährlich Russland nun sei, bleibt unbeantwortet - interessanter als die Wortbeiträge sind die eingespielten Filme.

Eine TV-Kritik von Matthias Kolb

Eine Autokolonne rast durch das nächtliche Moskau. Im Fond einer Mercedes-Limousine sitzt Wladimir Putin. Ein deutscher Reporter fragt ihn, woher die negative Haltung des Westens ihm gegenüber komme. "Von dem Angst." "Angst vor Ihnen?" "Vor Russland. Vor unserem Maßstab, unseren Atomwaffen, unseren Möglichkeiten in anderen Gebieten. Aber das ist altes Denken."

Der Mann, dem Putin auf Deutsch antwortet, heißt Hubert Seipel. Seipel konnte den Politiker 2011 für seine NDR-Dokumentation Ich Putin neun Monate begleiten und soll nun bei Günther Jauch erklären, was jenen Mann antreibt, den nach der russischen Annexion der Krim die halbe Welt fürchtet. Jenes "alte Denken" ist wieder zurück. Folgerichtig hat Jauchs Redaktion der Sendung den Titel Putin, der Große - wie gefährlich ist sein Russland? gegeben und dann dem Moderator erwartbare Fragen auf seine Kärtchen geschrieben.

Neben dem schon erwähnten Angst-Dialog zeigt der bei Jauch eingespielte Film weitere Szenen aus Seipels Doku: Putin spricht über seine Jugend ("Wir haben zu Hause nicht viel über Gefühle geredet"), man sieht ihn beim Judo ("Ich brauchte Instrumente, um meine Stellung im Rudel aufrechtzuerhalten") und er beantwortet die Frage, ob er Diplomat sei ("kaneschno njet, überhaupt nicht"). Aha, denkt der Zuschauer, da ist er wieder, der altbekannte Macho-Putin.

Doch Seipel folgt auch in der Talkshow dem Prinzip seines Films: Er differenziert, fällt keine vorschnellen Urteile. Jauchs Frage, ob Putin nun "Demokrat oder Diktator" sei, ignoriert er und erinnert lieber an die Fehler des Westens. Nach 1991 habe es nie eine Vereinbarung gegeben, dass Europa und Russland die gleichen Werte und Interessen hätten. Russlands Schwäche habe diesen Irrglauben gefördert. Putin wollte "nie Bundeskanzler werden" - ihm ging es darum, Russland zu stabilisieren und den Bürgern Selbstvertrauen zu geben. Und diese lebten vor allem in kleinen Dörfern und Städten, sagt Seipel mit einem Seitenhieb gegen die einzige Dame in der Runde.

Von der Leyen versteigt sich zu waghalsiger Aussage

Immer wieder hatte Ursula von der Leyen da schon betont, dass sich Putin durch sein Vorgehen selbst schade: "Er verliert die urbane Mittelschicht in Moskau und Sankt Petersburg, die er für eine Modernisierung braucht." Das ist nicht falsch, doch ansonsten wiederholt die CDU-Politikerin die bekannten Textbausteine der Merkel-Regierung - Dialog mit Moskau müsse möglich sein, die EU schrecke vor Sanktionen nicht zurück, zumal diese Russland stärker treffen würden als Europa. Neue Argumente bleibt sie schuldig - außer der für eine Verteidigungsministerin waghalsigen Aussage, dass die Nato "nie in Gegnerschaft zu Russland angelegt" gewesen sei.

Dass sich Russlands Elite wegen der Erweiterung eben jenes zum Schutz gegen die Sowjetunion gegründeten Verteidigungsbündnisses verraten fühlen müsse, erwidert von der Leyen mit dem recht naiven Hinweis, dass sich Polen und die baltischen Staaten um die Mitgliedschaft beworben hätten - die Allianz sei doch nirgends einmarschiert. Inwieweit ihre eigene Forderung, die Nato müsse an ihren Außengrenzen mehr Präsenz zeigen, die Lage beruhigen solle, muss von der Leyen nicht erklären, da Günther Jauch hier wie so oft nicht kritisch nachfragt.

Dabei hatte seine Redaktion in einer Hinsicht gute Arbeit geleistet: Die Einspielfilme fassen die Hintergründe gut zusammen und enthalten aufschlussreiches Archivmaterial. So ist etwa ein Interview mit Hans-Dietrich Genscher aus dem Jahr 1990 zu sehen, in dem Deutschlands Langzeit-Außenminister erklärte, die Nato werde keine Soldaten weiter östlich in Europa stationieren, als dies zum damaligen Zeitpunkt der Fall war. Es kam bekanntlich anders und bietet Russlands staatlichen Medien gute Möglichkeiten, ihr eigenes Vorgehen zu rechtfertigen und den Westen zu schelten.

Schon 2001 beklagte Putin die fehlende Partnerschaft mit dem Westen

Ähnlich aufschlussreich ist auch ein Ausschnitt aus jener Rede, die Wladimir Putin im September 2001 als neuer russischer Präsident vor dem Bundestag hielt (Video hier). Auf Deutsch beklagte Putin schon damals, dass Russland nicht das Gefühl habe, als gleichwertiger Partner behandelt zu werden. "Heutzutage werden Entscheidungen manchmal überhaupt ohne uns getroffen - und dann werden wir nachträglich gebeten, sie zu bestätigen. (...) Ist das echte Partnerschaft? In Wirklichkeit haben wir noch immer nicht gelernt, uns zu vertrauen, trotz der vielen süßen Reden."

Man muss es leider sagen: Die Einspielfilme sind das Beste an dieser Günther-Jauch-Sendung, denn durch sie bekommen die Zuschauer Einblick in das Denken von Wladimir Putin und sie hätten gute Anknüpfungspunkte für eine Diskussion gegeben. So hätte Jauch seinen Gast Dmitrij Tultschinski von der russischen Nachrichtenagentur Ria Novosti direkt fragen können, wieso Putins Popularitätswerte nun durch die Decke gehen. Oder er hätte nachbohren können, als John Kornblum, der ehemalige US-Botschafter in Berlin, von offenen Gesprächen mit den Russen berichtete, die er als Diplomat in den neunziger Jahren bei Nato und KSZE führte. Wann und vor allem warum ist dies nun nicht mehr möglich?