"Team Wallraff" auf RTL Gemeinsam ganz unten

Der investigative Journalist Günter Wallraff bildet RTL-Journalisten aus. Herausgekommen ist eine Reportage über das Hotelgewerbe.

(Foto: dpa)

Die Undercover-Recherchen von Günter Wallraff sind legendär. Jetzt bringt er RTL-Journalisten seine Methode bei. Erstes Ergebnis: Eine Reportage über die Arbeit als Reinigungskraft im Hotelgeschäft.

Von Bernd Dörries

Nach vielen Tagen auf den Knien, nach vielen Stunden in den Kloschüsseln und Betten fremder Zimmer sagt die Reporterin, sie sei nun "ganz unten". Genau da also, wo Günter Wallraff sie haben wollte, am Boden der Gesellschaft, der für ihn ja ein fester und vertrauter ist.

Es geht also mal wieder ganz nach unten, mit schmerzenden Knien und kaputten Fingern, mit Tränen in den Augen. Die herrschenden Verhältnisse im Kapitalismus als sinnliche Erfahrung.

Das System ist für Wallraff Fluch, aber auch ein klein bisschen Segen, weil es seit Jahrzehnten immer wieder diese Elendsgestalten produziert, die in den Kasten ganz unten stehen, um die Wallraff sich dann kümmern kann. Er war schon fast alles, er war Stahlmalocher, er war bei McDonald's, er heuerte in einer Großbäckerei an und fuhr Pakete aus. Jetzt hat er sich für RTL die Hotelbranche vorgenommen, die teuersten Häuser am Platz. Und diesmal ist Wallraff nicht selbst auf den Boden der Gesellschaft hinabgestiegen, sondern eine RTL-Reporterin. Das liegt zum einen daran, dass Wallraff, der bei manchen Menschen zwar schon als Afrikaner durchging, mit seinen 70 Jahren nur noch schlecht in ein Zimmermädchen zu verwandeln ist, das auch in die Ecken kommt.

Der andere Grund ist die Sorge darum, was nach ihm kommt. "Ich möchte, dass meine Methode Schule macht. Im Ausland habe ich schon etliche Nachfolger gefunden. Im Inland wünsche ich mir mehr", sagt Wallraff in einer kleinen Gartenlaube in Köln. Sie steht hinter dem Haus seiner Eltern, durch den Rasen sieht man noch die Schienen, auf denen der Vater die Klaviere gezogen hat, die er hier baute. In den Regalen stehen die vielen Bücher des Sohnes, der nun auf gewisse Weise einen Erben sucht, für sein Familienunternehmen. Zumindest für seine Methode. Die Tradition soll nicht abreißen.

Deutschland ganz unten

Deshalb ist Team Wallraff - Reporter Undercover auch ein bisschen Journalistenschule. "Meine Hauptangst war immer aufzufliegen", sagt er der jungen Reporterin. Albträume habe er gehabt. Sein Rat: "Durchziehen. Überspielen."

Und so spielt die RTL-Reporterin mit Unterbrechungen acht Monate lang ein Zimmermädchen, in den großen Hotels des Landes. Sie geht auf die Knie, in die Ecken, unters Bett. Sie filmt Zustände. Sie filmt Hoffnungen, die nicht wahr werden. Sie filmt versteckt eine Branche, in der die Zimmer viele Hundert Euro kosten und die von Frauen gereinigt werden, die zumeist aus Osteuropa kommen. Deren Hoffnungen und Träume hier nichts wert sind. Tarifverträge werden umgangen, die Frauen haben das Recht, den Mund zu halten. "Ich bin doch kein Tier", sagt eine Reinigungskraft. Ihre Chefin sieht das wohl anders. "Ich mache dir jeden Tag einen Gefallen, dass du hier arbeitest."

Um die drei Euro bekommen die Frauen pro Zimmer, für das sie in schlechten Fällen eine Stunde brauchen, um es sauber zu machen. Oft kommt das Geld aber auch gar nicht. Die Hotels selbst machen sich nicht die Finger schmutzig, sie beschäftigen Subunternehmer, die wiederum andere Subunternehmer beschäftigen. Die Kette derer, die mitverdienen, ist so lang, dass bei den Frauen oft gar nichts mehr ankommt. Deutschland ganz unten. Zur besten Sendezeit. Und das auf RTL.

Es ist die zweite Zusammenarbeit mit dem Sender, der nicht für sozialkritische Reportagen bekannt war. Wallraff sagt, er habe Bedenken gehabt, sei aber selbst auf RTL zugegangen. "Bei den Öffentlich-Rechtlichen erreiche ich leider zu wenige aus der Zielgruppe unter 50 Jahren. Bei RTL kann ich auch die Jüngeren ansprechen, auf dass sie sich nicht mehr alles gefallen lassen." Nun also auch die Kinder, keiner bleibt verschont von Wallraff und von seinem Blick in die Abgründe.