Griechenland schließt Rundfunkanstalt "Was hier passiert, haben bisher nur Diktatoren gemacht"

Griechenlands Regierung schließt plötzlich die staatliche Rundfunkanstalt ERT, die Beschäftigten sind entsetzt. Die Entscheidung habe "doch nichts mehr mit Sparmaßnahmen zu tun", klagen die Mitarbeiter und gehen auf die Straße. Die Erschütterung sitzt tiefer als bei einer gewöhnlichen Demonstration.

Von Alex Rühle, Athen

Um 23:11 drang ein kollektiver Schrei durch die Redaktionsräume. Die Bildschirme in den Büros waren plötzlich schwarz. Die Regierung hatte tatsächlich wahr gemacht, was sie nur wenige Stunden zuvor angekündigt hatte: Die sofortige Abschaffung des staatlichen TV- und Radiosenders ERT (Ellenikí Radiophonía Tileórasi). Mehr als 2600 Mitarbeiter werden damit von einem Tag auf den anderen arbeitslos. Und es gibt vorerst nur noch Privatfernsehen.

Um sieben Uhr hatte der Regierungssprecher Simos Kedikoglou verkündet, in Zeiten des Sparens dürfe es keine Tabus geben, das Staatsfernsehen sei ein klassisches Beispiel "unglaublicher Verschwendung" mit Kosten von 300 Millionen Euro im Jahr. Daraufhin erklärte die Belegschaft ihr Gebäude für besetzt und rief die Zuschauer auf, zum Sendezentrum des ERT im Athener Vorort Agia Paraskevi zu kommen.

Drinnen weinten die Leute, draußen verbrannten die Demonstranten EU-Fahnen und skandierten Slogans. Man könnte meinen: Demonstrationsfolklore as usual. Aber es war doch anders, die Erschütterung saß tiefer als bei gewöhnlichen Demonstrationen. "Natürlich", sagt Yannis Darras. "Das hier hat doch nichts mehr mit Sparmaßnahmen zu tun." Darras hat bestimmt nichts von einem Hitzkopf, graue Haare, 20 Jahre Berufserfahrung, ruhige Stimme. Aber er sagt: "Was hier passiert, haben bisher nur Diktatoren gemacht. Haben Sie schon mal von einer Demokratie gehört, in der handstreichartig alle öffentlich-rechtlichen Sender geschlossen werden?"

Um ihn herum packen die Mitarbeiter ihre persönlichen Gegenstände zusammen. Sie sollen um 24 Uhr das Haus verlassen. Nicht dass sie vorhaben zu gehen, aber packen kann man ja trotzdem mal. Der Wirtschaftsjournalist Stavroulakis Manolis sitzt da mit einer Plastikbox, in der nur ein Buch liegt: Naomi Kleins "Shock and Awe". "Was hier passiert, ist der Beweis, wie recht die Frau hat", sagt er.

Draußen haben sich zu dem Zeitpunkt etwa 6000 Leute versammelt. Nikos Mergelis, 56 Jahre, Anchorman, sitzt gegen zwei Uhr nachts an einem der umliegenden Hot-Dog-Stände und kann es immer noch nicht fassen, was Regierungssprecher Kedikoglou da von sich gegeben hat. "In seiner Zeit als Minister hat er uns gezwungen, 36 sogenannte 'Berater' einzustellen. Eine dieser Beraterinnen war zuvor bei einem winzigen Sender in seinem Wahlbezirk gewesen, eine andere war Tochter eines Ministers. All diese Berater bekamen sehr viel mehr Geld als jeder von uns. Und ausgerechnet er spricht jetzt von Geldverschwendung."

"Wie viel verdient man denn als Anchorman?"

"Ich bin jetzt 57 und mache meinen Job seit 32 Jahren. Ich bekomme im Monat 1500 Euro."

Dann muss er zurück, das Gebäude besetzen. Es gibt Gerüchte, dass die Polizei in der Nacht stürmen will. Gerüchte, die sich glücklicherweise nicht bewahrheiten werden.