Getarnte Ermittlungen bei NSU-Mordserie Auf Mördersuche in der "Türkenszene"

Polizisten der Spurensicherung in Nürnberg an einem Imbiss. Der türkische Standbetreiber war von den Rechtsextremisten des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) kaltblütig erschossen worden. In der Folge traten die Beamten auch getarnt als Betreiber von Dönerbuden und offenbar auch als Journalisten auf.

(Foto: Marcus Führer/dpa)

Fingierte Dönerbuden und Journalisten, die eigentlich Polizisten sind: Ermittler in den damals so genannten "Döner"-Morden forschen zwar in der völlig falschen Richtung, dafür mit umso mehr Kreativität. Die Erkenntnisse waren nicht brauchbar, der Verdruss bei den Angehörigen der NSU-Opfer und echten Journalisten ist umso größer.

Von Tanjev Schultz

Die Stellenanzeige war nicht sehr groß, aber gut platziert, ganz oben auf der Seite des Stellenmarkts: Gesucht würden "freiberufliche Mitarbeiter ohne spezielle Vorkenntnisse für Hintergrund-Milieu-Recherche zu der bislang einzigartigen Mordserie an türkischen u. griechischen Mitbürgern". Fett gedruckt stand da außerdem: "Gute Bezahlung."

Was die Leser und Bewerber allerdings nicht erfuhren: Hinter der Annonce verbarg sich die Polizei. Und sie suchte gar nicht nach Mitarbeitern, sondern nach den Mördern. Verdeckte Ermittler gaben sich als freie Journalisten aus, die angeblich Helfer für ihre Recherchen benötigten. Die Polizei hoffte, mit dieser Legende Menschen anzulocken, die irgendetwas wussten über die Hintergründe der bundesweiten Mordserie an Migranten.

Die Anzeige erschien im Januar 2006 in der Presse. Damals hatte die Polizei noch keine Ahnung, wer hinter den Morden steckte, die mittlerweile der rechten Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) zugeschrieben werden.

Die Beamten mutmaßten, eine Bande von Ausländern könnte für die Verbrechen verantwortlich sein. In einer geheimen Einsatzkonzeption des bayerischen Landeskriminalamts (LKA) aus dem Jahr 2005 heißt es, man wolle Verbindungen zur "Türken-Szene" aufnehmen, um möglichen Motiven und Tätern auf die Spur zu kommen.

Die "Türken-Szene" also. Die Kommissare verrannten sich in eine völlig falsche Richtung, entwickelten dabei jedoch eine beachtliche Kreativität in ihren Ermittlungsmethoden. In Nürnberg und München ließen sie Dönerbuden betreiben, mit denen sie die Bande provozieren wollten. Sie setzten vermeintliche Privatdetektive ein, um der "Türken-Szene" Informationen zu entlocken - und vermeintliche Journalisten, die mit der Anzeige Mitarbeiter warben.

Der Deutsche Journalistenverband hält eine solche Tarnung generell für problematisch: "Journalisten sind keine Polizisten", sagt ein Verbandssprecher. Das Ansehen und das Vertrauen in den Journalismus könnten Schaden nehmen, wenn Ermittler sich als mediale Rechercheure ausgäben.