Verhältnis von Justiz und Medien Von unbekannten Feinden belagert

Im Fall Tuğçe (im Bild der Angeklagte mit seinen Verteidigern) dürfen Journalisten zuhören - ohne ihre Laptops.

(Foto: dpa)

Wie soll man in zehn Minuten einen durchdachten Artikel formulieren? Immer wieder behindern Richter die Arbeit von Journalisten - wie im Fall Tuğçe.

Von Annette Ramelsberger

Sind Pressevertreter Windhunde? Muss man sie möglichst klein halten? Und das Los darüber entscheiden lassen, ob sie überhaupt im Gerichtssaal arbeiten können? Wäre es nicht viel angenehmer für die Justiz, ganz unter sich zu sein, ungestört von lästigen Fragen, kritischen Kommentaren und der Berichterstattung über Fehler, die sich auch Richter und Staatsanwälte leisten?

Das Gebaren eines Berufsstandes, der Selbstkritik oft für eine Krankheit hält, wirft derlei Fragen auf. Das Verhältnis zwischen Justiz und Öffentlichkeit ist gestört.

Berichte aus dem Gerichtssaal werden keine Doktorarbeiten

Journalisten sind hinterhältig, gemein und dumm, sie machen Fehler und ignorieren das Wichtigste - sagen Juristen. Dabei gibt es sogar Fälle, in denen erst Anklage erhoben wurde, weil Journalisten hartnäckig nachfragten. Juristen sind arrogant und haben keine Ahnung von den Produktionsbedingungen - sagen Journalisten.

Deren Welt ist im Umbruch, der Druck auf Gerichtsberichterstatter und Reporterinnen nimmt zu. Sie müssen Zeitung und Online-Ausgaben gleichzeitig bedienen und in den Pausen noch schnell Hintergründe recherchieren. Da werden die täglichen Berichte aus dem Gerichtssaal keine Doktorarbeiten. Aber: Oft werden Journalisten erst durch Juristen in Fehler getrieben. Von Staatsanwälten, die ihre Anklage herunternuscheln - wie im Hoeneß-Prozess -, so dass man nichts versteht und die Millionen nur so durcheinanderpurzeln. Von Richtern, die ihr Urteil gern um 16 Uhr sprechen - so dass dann noch genau 30 Minuten bleiben bis zum Redaktionsschluss.

Der Richter verhindert die aktuelle Berichterstattung

Gerade hat die Justiz der Öffentlichkeit wieder ein Bein gestellt: Im Verfahren gegen den jungen Mann, der die Studentin Tuğçe getötet hat, verbietet das Landgericht Darmstadt die Benutzung von Laptops im Gerichtssaal - und gleichzeitig auch noch das Verlassen des Saals: Wenn ein Journalist länger als zehn Minuten seinen Platz verlässt, verliert er ihn - denn draußen warten ja viele, die an dem Verfahren teilnehmen wollen. Aus Sicht des Gerichts ist das logisch - aus Sicht der Presse unmöglich. Wie soll man in zehn Minuten einen durchdachten Artikel formulieren? Das schafft niemand. De facto verhindert der Richter damit die aktuelle Berichterstattung. Schon hat der Deutsche Journalistenverband protestiert. Zu Recht. Das Gericht verhält sich mit seinen Beschränkungen, als könne sich der Journalist am Abend gemütlich hinsetzen und in aller Ruhe schreiben - als wenn es kein Internet gäbe und keine aktuellen Abendnachrichten.

Prozess für eine Heldin

Der Fall Tuğçe Albayrak geht vor Gericht. Im Prozess gegen den jungen Mann, der im November 2014 ihren Tod verschuldete, geht es um die Frage: Wusste Sanel M., welche Folgen sein Schlag haben könnte? Von Susanne Höll mehr...

Gleichzeitig aber surfen auch Richter und Staatsanwälte gerne nach der Sitzung im Internet und stöhnen dann, weil eine Zahl nicht richtig notiert, ein Vorname nicht verstanden wurde.