"Gelobtes Land" auf Arte Auf Entdeckungsfahrt durch den ewigen Konflikt

Aus dem übervollen Requisitenschrank des Nahost-Konflikts: In dem Arte-Vierteiler "Gelobtes Land" zeigt der Brite Peter Kosminsky die ganze widersinnige, wahnsinnige Wirklichkeit, die die Region seit Jahrzehnten zerreißt. Stimmen aus Israel nennen den Film "eine neue Kategorie der Feindseligkeit", doch gegen den Vorwurf des Antisemitismus muss man den Regisseur gewiss in Schutz nehmen.

Von Peter Münch, Tel Aviv

Erins Reise durch Israel in die Heimat ihrer besten Freundin Eliza beginnt am Strand von Caesaria, in einer Villa mit Pool, im "Paradies", wie sie es selber sagt. Geendet hätte diese Reise fast in den Trümmern eines Tel Aviver Cafés, das von einem palästinensischen Selbstmord-Attentäter in die Luft gesprengt wurde.

Auf einer Reise durch Raum und Zeit: Erin (Claire Foy) kennt ihren Großvater Len kaum bevor sie sein Tagebuch entdeckt.

(Foto: Ed Miller)

Doch Erin überlebt den blutigen Anschlag - und macht sich auf eine Entdeckungsfahrt der ganz eigenen Art. Der Weg führt die junge Britin dabei kreuz und quer durch das weite Feld des Nahostkonflikts, und ist eine Reise durch Raum und Zeit. Denn Erin (Claire Foy) erkundet nicht nur Haifa und Hebron, nicht nur die aktuellen Schauplätze der Auseinandersetzung zwischen Israelis und Palästinensern. Sie folgt auch den Spuren ihres Großvaters, der als britischer Soldat nach 1945 im damaligen Mandatsgebiet Palästina gedient hatte. Sein Tagebuch aus dieser Zeit ist Erins Reiseführer.

Viel Stoff ist das für einen Film - und der Brite Peter Kosminsky hat tatsächlich mit Gelobtes Land ein imposantes TV-Epos geschaffen, das in vier Folgen von jeweils 90 Minuten durch diesen ewigen Konflikt führt.

All das, was in den Geschichtsbüchern und in den Zeitungen steht, dient dabei als Kulisse für eine fiktive Doppel-Geschichte, die in schnellem Wechsel die Erlebnisse Erins und ihres Großvaters Len (Christian Cooke) in diesem weit mehr zerrissenen als gelobten Land schildert. Es geht um Krieg und Frieden, um Liebe und Hass, um Tod und Vergeltung - erzählt auf den beiden Zeitebenen der vierziger Jahre und heute.

Bisweilen wirkt das etwas überladen, weil offenbar nichts fehlen darf aus dem übervollen Requisitenschrank dieses Konflikts. Der britische Soldat Len verliebt sich in eine junge Jüdin und schließt Freundschaft mit einer arabischen Familie, er ist bei der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen zu sehen und als Wachmann in einem britischen Internierungslager für jüdische Einwanderer in Palästina. Sechs Jahrzehnte später trifft seine Enkelin Erin israelische Friedensaktivisten und Soldaten, sie taumelt von den Diskos in Tel Aviv zu den Armee-Checkpoints im besetzten Westjordanland. Doch all das ist packend erzählt, mitreißend und faktenmäßig gut fundiert.

Beides gleich furchtbar, aber nicht beides gleich

Mehr als zehn Jahre hat der vielfach preisgekrönte Filmemacher Kosminsky an diesem wuchtigen Werk gearbeitet, bis es 2011 beim britischen Channel 4 zum ersten Mal gezeigt wurde. Es gab begeisterte Kritiken - und wütende Angriffe. Denn der Film mag gut gemeint sein, gut gemacht ist er sowieso. Unproblematisch aber ist er nicht, und er kann es auch nicht sein angesichts dieses Stoffes.

Aus der israelischen Botschaft in London jedenfalls kam nach der Erstausstrahlung sogleich Protest. Von "Antisemitismus" war die Rede und von einer "neuen Kategorie der Feindseligkeit gegenüber Israel". Was die Israelis so erboste, war die Ziehung vermeintlicher Parallelen zwischen damals und heute, zwischen dem Holocaust und der palästinensischen Nakba, der Katastrophe der Vertreibung nach Israels Staatsgründung, zwischen Angriffen jüdischer Untergrundkämpfer auf britische Soldaten damals und palästinensischen Terroranschlägen heute.

Gegen den Vorwurf des Antisemitismus muss man Kosminsky gewiss in Schutz nehmen, nicht nur, weil er selbst einer jüdischen Familie entstammt. Doch tatsächlich spielt er mit den Parallelen, lässt die Bilder vom Anschlag der jüdischen Irgun auf das Jerusalemer King-David-Hotel im Juli 1946 hinüberfließen in die Bilder vom palästinensischen Selbstmord-Anschlag in Tel Aviv. Gewiss ist beides gleich furchtbar, aber es ist nicht beides gleich. Kosminsky aber fällt keine Urteile. Er zeigt einfach nur diese ganze widersinnige, wahnsinnige Wirklichkeit, die den Nahen Osten seit Jahrzehnten zerreißt.

Gelobtes Land, Arte, Teil 1 und 2, 20.15 Uhr; Teil 3 und 4, 27. April, 20.15 Uhr.