Gastbeitrag Bewegte Zeiten

Das Jugendangebot Funk und die Folgen: Warum sich nicht nur die Inhalte, sondern auch die Aufsicht der öffentlich-rechtlichen Sender ändern müssen. Die Gremien sind für die notwendige Modernisierung denkbar schlecht aufgestellt. Produktive Impulse fehlen.

Von Christoph Bieber

"Das Internet ist vorbei!!!!" - mit dieser provokanten Parole (inklusive der vier Ausrufezeichen) meldete sich Anfang Oktober Funk, das junge Angebot aus dem öffentlich-rechtlichen Senderpark zum Dienst. Dabei ließen die Verantwortlichen keine Gelegenheit aus zu betonen, dass Funk nicht mehr das "alte Fernsehen" sei, sondern ein Content-Netzwerk, das auf verschiedenen Plattformen multimediale Inhalte entwickelt und verbreitet. Nach den ersten Wochen im Live-Modus scheint die Ansage zu stimmen: Zwar kommen die insgesamt 40 Formate als zumeist kurze, selten längere Webvideos daher, doch der Clou ist tatsächlich die Abkehr vom starren Sendeschema des linearen Fernsehens. Das Ergebnis ist eine "flächige", dezentrale Online-Struktur, deren Dichte über die Funk-App und das Online-Angebot funk.net noch am besten auf- und wahrgenommen werden kann.

Dieser von der Politik durchgesetzte Sinnes- und Medienwandel erreicht mit etwas Verzögerung nun die Chefetagen der Landessender sowie deren Aufsichtsgremien: Im ZDF-Fernsehrat wurde Anfang Oktober ein Gutachten über öffentlich-rechtliche Medienangebote "in Zeiten der Cloud" vorgestellt, der mit Funk angestoßene Digitalisierungsschub wurde dabei ausdrücklich begrüßt. Die ARD diskutiert derweil einen Entwurf mit dem Titel "Auftrag und Strukturoptimierung in Zeiten der Digitalisierung der Medien", beim WDR kursiert seit Ende September ein Papier des Intendanten, in dem "fünf Leitsätze zur Digitalstrategie" des Senders festgehalten sind. Die neue ARD/ZDF-Onlinestudie zeigt, dass mobile Internetnutzung und der Bedeutungszuwachs der Mediatheken das lineare Fernsehen herausfordern.

Aber reicht die Modernisierung der Programmangebote durch virale Videopakete und die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu sozialen Netzwerken aus? Ein Umdenken nur auf der Angebotsseite genügt nicht - es ist Zeit, auch über eine grundsätzliche Renovierung der Gremienkontrolle und -organisation im dualen Rundfunksystem nachzudenken.

Wenn Funk kein klassisches Fernsehen ist, sollte es auch nicht so kontrolliert werden

Die Aktualisierung von Inhalten und Formaten ist nur die eine Seite der Medaille; die Öffentlich-Rechtlichen haben auch den Auftrag, einen produktiven Diskurs mit dem Publikum herzustellen - die in ihrer Grundstruktur eingeschriebene Gemeinwohlorientierung gilt selbstverständlich auch in Zeiten der Digitalisierung. Dafür verantwortlich sind die Aufsichtsgremien, die als möglichst repräsentatives Bindeglied zwischen Publikum und Sender fungieren sollen. Doch die über Jahrzehnte gewachsene Gremienstruktur kann diese Leistung kaum angemessen erfüllen.

Ein bewusst interaktiv gestaltetes Angebot wie Funk zeigt das sehr deutlich, denn die digital veränderte Medienlandschaft erfordert den Einsatz innovativer Wege zum Austausch zwischen Sender, Gremien und Publikum. Die "Frequently Asked Questions" (FAQ) auf der Funk-Website geben erste Hinweise - unter der Überschrift "Was macht ihr überhaupt?" werden Eckpunkte einer neuen Zusammenarbeit sichtbar. Erfreulich ehrlich heißt es dort: "Eigentlich wird Funk auch nie fertig sein, denn wir werden uns ständig verändern und weiterentwickeln. Zusammen mit euch wollen wir über bestehende Inhalte diskutieren und neue Ideen entwickeln."

Das ist ein richtiger und wichtiger Ansatz, denn er betont die Chancen gemeinschaftlicher Arbeit im Netz - "Co-Creation" ist das Schlagwort, mit dem neue Wege der digitalen Medienproduktion begangen werden können. Die Funk-Macher sprechen vor allem ihre Zielgruppe an, doch müssten sie sich gemäß ihres öffentlich-rechtlichen Auftrags auch um ein Feedback aus den Gremien bemühen.

Sind die vorhandenen Aufsichtsstrukturen für Funk überhaupt geeignet? Der Blick auf die gewählte Struktur wirft Zweifel auf: Verantwortlich sind zunächst einmal Rundfunk- und Verwaltungsrat des im Projekt federführenden Südwestrundfunks. Unter SWR-Anleitung war schließlich die Entwicklung und der Aufbau der Startstrukturen in und um den Sendersitz in Mainz erfolgt. Außerdem diskutiert der ARD-Programmausschuss mit, ebenso die Gremienvorsitzendenkonferenz (GVK) und der ZDF-Fernsehrat.

Wenn Funk etwas anderes ist als klassisches Fernsehen, sollte es nicht im Modus der alten Fernsehaufsicht begleitet werden. Gerade in der (gewollten) Unfertigkeit der Funk-Angebote wird deutlich, dass sich die Arbeitsteilung zwischen Sender und Empfänger zunehmend auflöst. Wer aber reflektiert diesen Prozess und liefert die notwendige Digital-Kompetenz für die Rundfunkaufsicht?

Die jahrzehntelang gewachsenen Rundfunk- und Fernsehräte sind jetzt schon nicht in der Lage, rasch zu reagieren. Sie folgen festgelegten Arbeitsroutinen mit Plenarsitzungen, Ausschüssen und informellen Entscheidungsrunden der "Freundeskreise" - damit sind sie zwar durchaus effizient organisiert und leisten als "Begleiter" der Sendeanstalten solide Arbeit, können aber kaum impulsgebend oder korrigierend eingreifen. Stattdessen bleibt ihnen nur, Wochen oder gar Monate später nachträglich den Zeigefinger zu heben.

Die BBC hat Zuschauerräte und ein "Start-up-Labor" - produktive Impulse fehlen in Deutschland

So sind sie für die notwendigen Modernisierungsbestrebungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks denkbar schlecht aufgestellt. Während in den Sendern selbst langsam, aber stetig neue Ideen und Ansätze verfolgt oder zumindest diskutiert werden, gerät das konventionelle System der Gremienaufsicht auf das Abstellgleis. Die große Aufgabe der digitalen Rundfunkentwicklung jenseits der Erfindung, Verbreitung und Etablierung neuer Formate ist die Entwicklung und der Abgleich eines Gemeinwohlverständnisses im digitalen Medienraum - klassische Gremienlösungen der Marke "Altes Angebot" können dies nicht mehr leisten.

Beispiele für eine offensivere Auseinandersetzung mit den Stimmen aus dem Publikum gibt es längst, im Umfeld der BBC gibt es die so genannten "Audience Councils", diese "Zuschauerräte" diskutierten punktuell und themenbezogen mit den Verantwortlichen in den Sendern. Denkbar sind auch Offline-Verfahren wie die Ausrichtung von offenen Workshops, der NDR hat damit bereits experimentiert. Noch einen Schritt weiter geht die BBC und hat mit den BBC Worldwide Labs bereits ein eigenes "Start-up-Labor" eingerichtet, um medienbezogene Innovationen möglichst nahe an den eigenen Bedürfnissen entwickeln zu können.

Noch aber scheinen solche Formen kaum kompatibel mit der eher starren Wirklichkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Zudem gefällt sich die professionelle Medienkritik bislang eher in der Rolle des destruktiven Beobachters - produktive Impulse sind Mangelware. Die unverzichtbare Aufgabe einer Modernisierung der Aufsichtsstrukturen fällt somit zwischen ganz verschiedene Stühle. Eine echte Sitzordnung ist zwar noch nicht erkennbar, aber das Interesse an einer neuen Bestuhlung des öffentlich-rechtlichen Klassenzimmers ist erwacht.

Christoph Bieber, 46, ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Duisburg-Essen und wurde von der Landtagsfraktion der Piraten in den WDR-Rundfunkrat entsandt.