Der frühere Chefredakteur der "Süddeutschen Zeitung", Hans Werner Kilz, übt Kritik an Bundespräsident Wulff - aber auch an den Medien. "Wir teilen gerne aus, dann sollten wir auch einstecken können."
Der frühere Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung, Hans Werner Kilz, übt Kritik am Verhalten von Bundespräsident Christian Wulff im Umgang mit der Bild-Zeitung. "Ein so törichtes Vorgehen wie bei Wulff habe ich noch bei keinem Spitzenpolitiker erlebt. Spätestens als Diekmanns Mailbox ansprang, hätte er auflegen müssen", sagte Kilz im Interview mit dem Kölner Stadt-Anzeiger.
Bild vergrößern
Der ehemalige Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung, Hans Werner Kilz, rät den Journalisten zu mehr Gelassenheit im Umgang mit der Medienaffäre um Christian Wulff. (© obs)
Anzeige
Wulff habe stattdessen ein Tondokument geliefert, mit dem er sich jetzt vorführen lassen müsse. "Das schadet dem Amt und gibt den Amtsinhaber der Lächerlichkeit preis", sagte der Kilz, der auch mehrere Jahre an der Spitze der Spiegel-Redaktion stand.
Wulff habe sich "als Präsident der Bunte- und Bild-Republik gesonnt" und sich zu sicher gefühlt, weil er bei seiner Scheidung in der Boulevard-Presse gut weggekommen war und die neue Frau an seiner Seite dort strahlend platzieren konnte. Offenbar habe er deshalb geglaubt, er könne die jetzigen Unannehmlichkeiten auf kurzem Weg erledigen. "Da musste er sich eines Besseren belehren lassen. Zumal ich bisher an keiner Stelle erkennen kann, dass Bild etwas Unzutreffendes berichtet hätte. Da hat Wulff natürlich umso schlechtere Karten", sagte Kilz.
Allerdings fordert Kilz seine Journalisten-Kollegen auf, weniger Aufhebens um Wulff und den Anruf bei Bild-Chef Diekmann zu machen. Den direkten Draht zwischen Spitzenpolitikern und Chefredakteuren habe es immer gegeben. "Ich verstehe zwar, dass die Journalistenverbände jetzt Zeter und Mordio schreien müssen, weil angeblich die Pressefreiheit in Gefahr sei. Aber ich würde das Ganze etwas tiefer hängen. Journalisten sollten nicht so larmoyant sein. Wir teilen gerne aus, dann sollten wir auch einstecken können", betont Kilz.
Hans Werner Kilz war von 1996 an bis zu seinem Ruhestand Ende 2010 Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung. Inzwischen ist er Mitglied des Aufsichtsrates der Mediengruppe M. DuMont Schauberg, zu der auch der Kölner Stadt-Anzeiger gehört.
- Abschied von SZ-Chefredakteur Kilz Blutwurst und Chianti 29.11.2010
- Vorwürfe gegen Bundespräsident Christian Wulff Neue Ungereimtheiten beim Hauskauf 07.01.2012
- Christian Wulff in Bedrängnis Ihr kriegt mich hier nicht raus 07.01.2012
- Bundespräsident in der Kritik Warum Wulff seinen Anruf bei der "Bild" lieber nicht veröffentlicht sehen will 06.01.2012
- Abschied von SZ-Chefredakteur Kilz "War ja fast schon eine Liebeserklärung" 28.11.2010
- Neujahrsempfang im Schloss Bellevue Präsident von Merkels Gnaden 12.01.2012
- Affäre um Bundespräsident Wulff Erster CDU-Abgeordneter spricht über Rücktritt 11.01.2012
(süddeutsche.de/dmo/liv)
Voreiliges Buch "Der Pott ist dahoam"
Hier zeigt sich auch die moralische Dickhäutigkeit selbst eines so ehrenwerten Journalisten, wie es anscheinend Herr Kilz sein soll:
Da weiß einer ganz genau, dass durch den Anruf des Präsidenten bei der Bildzeitung die Pressefreiheit nicht gefährdet ist, (sondern nur die Unanständigkeit dieses ominösen Herrn Herrn Kai Diekmann angeklagt wurde), aber Herr Kilz versteht natürlich natürlich vollständig, dass die Journalistenverbände jetzt Zeter und Mordio schreien müssen.
Also: Offene Lügen der Zeitungen, das ist verständlich, mit der Wahrheit herumzudrucksen, wie es Wulff - verständlicherweise - getan hat, ist ein Verbrechen und verlangt den Rücktritt. Armes Deutschland! Oder besser: Armselige deutsche Presse! Und das heißt auch: Armselige sogenannte deutsche Qualitätspresse!
Herr Wulff hat nun mal seinem Ärger Luft gemacht und ist dabei davon ausgegangen, dass er es mit jemanden zu tun hat, der ihn nicht ins Messer laufen lässt. Er hat sich getäuscht. Aber so ein Verhalten wie das dieses Reporters gleich in Verbindung mit Pressefreiheit zu bringen, halte ich doch für sehr fragwürdig und übertrieben. Das ist wohl eher ein Konflikt unter Privatleuten. Wo gibt es denn überhaupt noch Menschen, die fair und anständig mit anderen umgehen - gerade in der Politik oder den Medien? Wo? Und unsereins? Wie verhalte ich mich selber, wenn es um die Wurst geht?
Mir ist viel wohler bei dem Gedanken an einen Bundespräsidenten, der eben nicht derart ausgekocht, berechnend und immer nur im Kopf hat zu kuschen, weil er Angst vor den Konsequenzen hat, wenn er mal Tacheles redet. Dass er das ausgerechnet auf einer Mailbox verewigte, mein je, das ist für jeden ein Fehler, der selbst voller Argwohn steckt. Und noch eins: Worum es bei dieser Schoße überhaupt geht ist doch so banal, so unwichtig angesichts der aktuellen, existentiellen Probleme, mit der sich unsere Gesellschaft und ganz Europa gerade herumschlägt. Was gehen mich die Privatkredite anderer Leute an. Was interessiert es mich, ob jemand für Kost und Logie bei Freunden bezahlt oder vielleicht nicht? Freunde kann man dadurch auch beleidigen, wenn man ihnen Geld dafür geben will.
Herr Wulff sollte unbedingt an seinem Amt festhalten. Er macht es gut. Mit ihm konnten wir uns bis zu diesem unverantwortlichen Eklat aus einer angeblichen Pressefreiheit heraus noch überall in der Welt sehen lassen. Es gibt auch keinen, der eine so blütenweiße Weste hat, um gegebenenfalls nicht auch wieder angreifbar zu sein, da müssen wir uns doch nichts vormachen. Wer das berüchtigte Haar in der Suppe finden will, der wird auch fündig. Und wenn erst eines hineingeworfen werden müsste.
Klaus R.
Naturlich ist ein Bundespräsident auch nur ein Mensch. Es kommt aber darauf an, welche Anforderungen an welcher Tätigkeit gestellt werden. Bei einem Bundespräsidenten sollten die Anforderungen an Glaubwürdigkeit, Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit, Moral usw. besonders hoch sein. Bei Herrn Wulff sind diese Fähigkeiten leider sehr schwach ausgeprägt. Er trixt und verschleiert, das ist das Problem. Er ist schlicht und einfach ungeegnet für diese Aufgabe.
"Unter dem Deckmantel "Pressefreiheit" kann viel Unheil angerichtet werden."
Wie soll ich das verstehen?
Die Pressefreiheit ist eines der höchsten und jederzeit zu verteidigenden Rechtsgüter. Um dieses zu erlangen sind Generationen vor Ihnen eine Menge Blut, Schweiß und Tränen geflossen.
Das "Unheil" droht nicht durch die Ausübung der Pressefreiheit. Es resultiert zumeist aus dem von der Presse aufgedeckten Sachverhalt. Das gilt es zu unterscheiden. Selbstverständlich würden diverse Aufreger und Konflikte vermieden, wenn bestimmte Sachverhalte, insbesondere aus dem Bereich der Politik nicht bekannt werden.
Nur: Wer will das und was wäre gewonnen?
Kilz schreibt: "Den direkten Draht zwischen Spitzenpolitikern und Chefredakteuren habe es immer gegeben." Oder wie wußte schon Kuno Fischer (1824-1907) zu berichten: "Die Erfahrung besteht darin, daß man erfährt, was man nicht zu erfahren wünscht."
Paging