Die "Frankfurter Rundschau" verliert ihre Eigenständigkeit, der Mantelteil kommt künftig aus Berlin. Eine Erinnerung an das einst tonangebende Blatt der westdeutschen Linken.
"Unabhängige Tageszeitung" steht jeden Tag auf der ersten Seite der Frankfurter Rundschau (FR). Wie lange diese Beschreibung noch gilt, ist allerdings fraglich. Wie die Süddeutsche Zeitung aus dem Umfeld der Zeitung erfuhr, steht dem 1945 gegründeten, einst tonangebenden linken Blatt eine weitere massive Sparrunde bevor - mit Maßnahmen, die das Wesen der FR auf eine Weise beschneiden werden, dass von echter publizistischer Eigenständigkeit streng genommen keine Rede mehr sein kann.
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Überregionale Themen künftig aus Berlin: Die "Frankfurter Rundschau" wird stark beschnitten - wie viele Angestellte gehen müssen, ist noch nicht klar. (© A3472 Frank May)
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Die überregionale Berichterstattung der Zeitung, das bestätigten am Mittwoch mehrere an ihrem Umbau beteiligte Personen, soll künftig komplett in der Hauptstadt bei der Berliner Zeitung gebündelt werden, die ebenfalls zur Verlagsgruppe M. DuMont Schauberg gehört. Die dort ansässige "DuMont Redaktionsgemeinschaft" beliefert das Blatt - wie den Kölner Stadtanzeiger und die Mitteldeutsche Zeitung - bereits seit vergangenem Jahr mit politischen Berichten von bundespolitischer Bedeutung.
Nun sollen auch die Blattmacher aus Wirtschaft, Feuilleton und Sportteil der FR in Berlin arbeiten. Beide, Berliner Zeitung und Rundschau, werden dafür eine gemeinsame Organisationsstruktur bekommen, heißt es, mit einer Spitze, die sich wohl aus den jetzigen Chefredaktionen zusammensetzen wird. Am bisherigen Hauptsitz der FR, dem nach dem früheren Chefredakteur und Herausgeber benannten Karl-Gerold-Platz, verbleiben demnach nur der Lokalteil und Autoren der anderen Ressorts.
Wie viele Mitarbeiter bei der FR durch den Um- und Abbau gehen müssen, soll noch nicht final entschieden sein. Von 40 bis 50 Stellen ist die Rede. Das Blatt, das seit Jahren Verluste im zweistelligen Millionenbereich schreibt, hat noch knapp 190 Mitarbeiter. 115 davon arbeiten in der Kernredaktion, 30 im nicht tarifgebundenen Pressedienst Frankfurt und 40 bei der ebenfalls ausgelagerten Firma FR Publishing (Layout, Foto, Grafik). An diesem Freitag um elf Uhr will der Verlag seine Mitarbeiter in Frankfurt über die Details informieren.
Es ist, das darf man so pathetisch sagen, das Ende einer deutschen Zeitungsära, die mit großen Namen verbunden ist. Der einstige Herausgeber Gerold etwa, an den sich jeder ernstzunehmende Chefredakteur in diesem Land erinnert, und der so lange für eine einzigartige Haltung der Zeitung gesorgt hat. Der sozialliberale Publizist und spätere FDP-Generalsekretär Karl-Hermann Flach. Oder Werner Holzer, der das Blatt zwei Jahrzehnte lang führte - auch in die schon schwierige Zeit hinein. Und viele andere.
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Der Käuferkreis für Zeitungen ist endlich. Zum Beispiel gibt es in anderen Branchen Produkte, die schon in reifen Märkten alle haben und nur noch der Ersatzbedarf gedeckt wird. Ich erinnere an Fernseher und Automobile...
Die Entscheidung, längerfristig rote Zahlen in der Bilanz hinzunehmen, aber im Gegenzug Personal, Ressourcen, Büros usw. abzubauen und weiterzumachen, halte ich persönlich für falsch. Der radikale Umbruch der Zeitungslandschaft durch minutenschnelle Information im Netz tut ein Übriges.
Fazit: Rendite zum Investieren und wirtschaftliches Arbeiten sind die Grundbedingungen eines jeden Unternehmens. Hier müssen SPD und DuMont über ihren Schatten springen und schnellstens die Frankfurter Rundschau abwickeln. Es sind ja weniger politische Gründe für einen Zeitungstod verantwortlich, sondern wirtschaftliche Gründe.
Sie rechnet sich einfach nicht mehr - und das seit Jahren!
Schon Hermann von Keyserling (1880 - 1946) wußte: "Kultur hat ihren sichersten Gradmesser an dem, wieviel einer aushält im Guten wie im Schlimmen. Der Kultivierte übersteht die Niederlage geistig ungebrochen."
Nun ist es also soweit. Als ehemalige FR-Leserin und Exil-Hessin tut mir das wirklich leid. Aber im Gegensatz zum Autor glaube ich weniger, daß es an der attraktiven Konkurrenz lag, als vielmehr daran, daß die FR langsam aber sicher ihre eigenen Ansprüche heruntergeschraubt hat
Für mich fing das damit an, als zu Kohls Abschied aus der Politik eine ganze Seite (3!) dafür verwendet wurde, ihn als großen Staatsmann zu feiern. Ich rieb mir die Augen und dachte: Hoppla, da hat die FR doch jahrelang ganz was anderes geschrieben. (Weswegen es ihr auch schwer viel, das dann noch zu ändern, als es um die Spendenaffäre ging) Und dementsprechend ging es weiter: "extrem" erscheinende Positionen wurden aufgegeben, als hätte man Angst vor den Reaktionen. Als ich vor einigen Jahren in der ZEIT etwas las, das deutlich linker war, als die FR zum selben Thema geschrieben hatte, war mir endgültig klar, daß sich die Fronten verschoben hatten.
Bevor ich die Umstellung auf's Tabloid-Format dann als Grund dazu nahm, mein jahrzehntelanges Abo zu kündigen, war es schon so weit gekommen, daß ich die Zeitung (von der ich mal dachte, sie sei die beste Tageszeitung überhaupt!) gerade noch einmal quergelesen und nach einer Viertelstunde zum Altpapier gegeben habe. Danach bin ich SZ-Leserin geworden, und habe dabei erst verstanden, wieso die FR (u.a.) ihre Seiten 2 und 3 geändert hatte (was irgendwie weder paßte noch nötig gewesen war): sie hatte es von der SZ abgekupfert. Das tat dann im Nachhinein auch noch mal weh.
Schade, wirklich schade. Nicht, wenn man es an der derzeitigen FR mißt, aber verglichen mit dem, was sie mal war.
Wer sich global für die Thematik Zeitungssterben/Journalismus interessiert, und Englisch kann, hier ein Link zu einem Vortrag von John Nicols. Auch für die SZ Journalisten empfohlen.
"Nichols is a noted US commentator who writes for The Nation and was a visiting guest at the 2010 Walkley Media Conference. He warns the dip in quantity and quality of American television and print media could spread ... "
Trifft auf die Zukunft der Presse in Deutschland genauso zu. Erklärt auch, dass es sich hierbei um einen langanhaltenden Trend handelt und nur bedingt was mit dem Internet zu tun hat.
http://www.abc.net.au/tv/bigideas/stories/2010/09/14/3010063.htm
Video / alternativ auch nur Audio (reicht); kein Transkript verfügbar.
kwt.