Fotografin des US-Militärs getötet So sieht Krieg aus

Das letzte Foto von Militärfotografin Hilda Clayton: Während einer Militärübung explodiert versehentlich eine Granate.

(Foto: US Army/ZUMA Wire/dpa)

Kriegsbilder sind heute vor allem entkörperlicht. Weshalb das letzte Foto der Militärfotografin Hilda Clayton so erschüttert. Und warum man es zeigen sollte, obwohl sie dabei starb.

Von Julian Dörr

Ein Schauer läuft einem über den Rücken, man blickt auf dieses Bild, die letzte Aufnahme, die Hilda Clayton in ihrem Leben gemacht hat. Ein letztes Mal hat die Einsatzfotografin des US-Militärs in Afghanistan den Auslöser ihrer Kamera gedrückt, bevor die Explosion sie trifft. Ein intimer Moment, vielleicht der intimste überhaupt, er wird in die Öffentlichkeit gezerrt. Und der Betrachter ist da, wo er nie sein dürfte.

"Da" bedeutet in diesem Fall den Moment des Todes einer jungen Frau und vier ihrer Kollegen bei einer Militärübung in der afghanischen Provinz Laghman am 2. Juli 2013. Heute, fast vier Jahre nach dem Tod der Fotografin, haben die Eltern von Hilda Clayton ihr letztes Foto freigegeben. Das US-Militär hat es verbreitet.

Man könnte nun sagen, es sei reißerisch, dieses Bild zu veröffentlichen. Reiner Voyeurismus. Ein Spiel mit niederen Instinkten für den wirtschaftlichen Erfolg. Bedient man, wenn man dieses Bild zeigt, nicht denselben Mechanismus wie all die dubiosen Klickstrecken im Netz, die einem "unfassbare Aufnahmen, Sekunden bevor etwas Schreckliches passiert" versprechen? Vermutlich auch. Dem Bild wohnt diese Ebene unbestreitbar inne. Wie jedem Bild, das Unvorstellbares zeigt. Bilder, die Kriegsfotografen mitbringen, seit es Kriegsfotografen gibt. Natürlich steckt hinter diesem Bild eine tragische Geschichte. Tragisch, weil die Granatenexplosion ein Unfall war. Tragisch, weil es sich um eine Übung handelte. Tragisch, weil die Fotografin mit gerade einmal 22 Jahren ihr Leben verlor.

Die Videospieloptik der Drohnenbilder, deren tödliche Schläge nicht mehr als ein kurzes weißes Gleißen sind

Das ist die Geschichte. Aber um die Geschichte geht es nicht. Warum man dieses Bild zeigen darf, vielleicht zeigen sollte, hat andere Gründe. Es ist die Wucht und Gewalt der Explosion, die diese Aufnahme einfängt, und die daran erinnert, wie Krieg wirklich aussieht. Die erahnen lassen, wie er sich anfühlt. Steine und Geröll zischen einem aus diesem Bild entgegen, man will sich wegducken. Der Magen zieht sich zusammen, man spürt diesen Augenblick zwischen zwei Herzschlägen, die vernichtende Kraft, schon entfesselt, aber noch nicht entgrenzt.

Und dann greift ein zweiter Gedanke: Das ist nicht echt! Dieser Mensch kann nicht echt sein. Das ist ein Trick, ein Fake, gestellt. Special Effects wie im Film. Aber es ist kein Trick. Und deshalb ist es sogar wichtig, dieses Bild zu zeigen. Weil Krieg für die Menschen im gottlob friedlichen Mitteleuropa eben wie Fiktion aussieht. Krieg ist Drohnenkampf in Videospieloptik. Krieg sind Bomben, deren tödliche Schläge kaum mehr als ein kurzes weißes Gleißen im schwarz-weißen Landschaftsbild auf unseren Screens ergeben. Die Mutter aller Bomben, kürzlich von den USA auf ein Tunnelsystem des IS geworfen: eine dunkelgraue Pilzwolke.

Das letzte Foto von Hilda Clayton ist das Gegenbild zu dieser Drohnenperspektive. Hier gibt es keine Distanz, keine Entkörperlichung der körperlichen Gewalt des Krieges. Zu sehen sind der Mensch und die Explosion. Sie zerreißt seine Kleidung, zerfetzt seine Haut, zerstört seinen Körper. Gleich wird er nicht mehr sein. Das ist Krieg.

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