Flüchtlinge und Medien Bestimmung des Standorts

Flüchtlinge fremdeln mit dem Ton in für sie produzierten Medien - und verhandeln die Fragen nach Identität und Integration zunehmend selbst.

Von Moritz Baumstieger

Wer noch keine zwei Jahre in Deutschland ist und Kurt Tucholsky in der Landessprache zitiert, dürfte kein Problem haben mit diesem Ding namens Integration. Genau das hat Ramy al-Asheq aber. "Gut gemeint ist das Gegenteil von gut gemacht", ruft der 26-Jährige erregt, als er von Medienangeboten für Flüchtlinge spricht. Der palästinensisch-syrische Dichter und Asylbewerber will es selber besser machen - als Chefredakteur von Abwab ("Türen").

Die erste arabischsprachige Zeitung Deutschlands erscheint seit Ende 2015 einmal monatlich. Sie wird in Aufnahmeeinrichtungen und Unterkünften gratis verteilt, die Auflage ist von 45 000 auf über 70 000 geklettert, zudem gibt es eine Web- und eine Facebook-Seite. Ein betagter Laptop und ein Smartphone sind al-Asheqs gesamte Redaktionsausstattung, "wir haben eine ganze Revolution über Facebook angezettelt", sagt er, "da ist es ein Kinderspiel, so eine Zeitung zu managen".

Abwab will anders sein als die Medienangebote für Flüchtlinge, die von deutschen Institutionen, Sendern und Initiativen herausgegeben werden. Die Deutsche Welle etwa sendet ihr eigentlich für das Ausland bestimmtes arabisches Programm nun auch im Inland, der WDR bündelt für Flüchtlinge produzierte oder untertitelte Angebote auf der Seite Wdrforyou, der Bayerische Rundfunk hat mit Partnern die App "Ankommen" konzipiert. Unter diesen und den anderen Angeboten auf dem Markt gebe es natürlich auch gute Inhalte, meint al-Asheq, viel sei aber an der Zielgruppe vorbei produziert. Eine Kritik, die man von Flüchtlingen häufig hört: Die Medien für sie träfen oft nicht den richtigen Ton, kämen von oben herab daher, seien zwar in arabischer Sprache verfasst, aber eben nicht den Lesegewohnheiten der Menschen entsprechend. Al-Asheq hat vor Kurzem in einer kleinen Polemik ein Beispiel gegeben: "Hier in Deutschland kann eine Frau, wenn sie krank wird, zum Arzt gehen", zitiert er zunächst einen nicht näher genannten Text für Asylbewerber. "Als ob eine kranke Frau bei uns zur Hebamme oder in den Friseursalon ginge!", kommentiert al-Asheq dann etwas entgeistert.

Konfrontationstherapie: Mit Zukar will Firas al-Shater den Deutschen ihre Ängste vor Flüchtlingen nehmen.

(Foto: Zukar)

"A Syrious Look" etwa will syrische Künstler auch deutschen Lesern vorstellen

Aus diesem Grund entstehen nun vermehrt Medienangebote nicht nur für, sondern auch von Flüchtlingen. Auch der aus Syrien stammende Youtube-Star Firas al-Shater hat ein Format entwickelt, das Neuankömmlingen bei den ersten Schritten helfen will. Die bestehenden "Medien rufen ständig: 'Hey, du! Integrier dich gefälligst! Wir zeigen, wie's geht!'", kritisiert er. "Würden Sie sich so was angucken, wenn Sie nach Argentinien auswandern?"

Al-Shater wurde durch seine millionenfach aufgerufene Videoserie Zukar bekannt, mit der er den Deutschen ihre Ängste vor Flüchtlingen nehmen will. Und weil er das in einem sympathisch-gebrochenem Deutsch und mit viel Humor tat, lud Markus Lanz ihn ein, internationale Medien berichteten. Inzwischen hat er einen Buchvertrag unterschrieben und einen für die Entwicklung einer Sitcom bei einem öffentlich-rechtlichen Sender. Für sein Format, das sich an Flüchtlinge richtet, hat er hingegen keinen Abnehmer gefunden. "Die meisten 'Flüchtlings-Formate' im TV sind eigentlich eher für das deutsches Publikum produziert, so wirkt das auf mich", sagt er. "Um zu zeigen: Hey, wir machen etwas Cooles und Sinnvolles für die." Wenn man hingegen etwas exklusiv für Flüchtlinge und in einer Art machen wolle, dass es bei ihnen ankomme, dann sei kein Geld da. Vielleicht muss es al-Shater also so anstellen wie bei Zukar. Für die zweite Staffel sammelt er gerade recht erfolgreich mit einer Crowdfunding-Kampagne Geld ein.

Abwab finanziert seine Orientierungshilfe ohne unterschwellige Stereotypen und ohne pädagogischen Zeigefinger hingegen selbst - durch Anzeigen. Necati Dutar, der das Projekt auf den Weg brachte, merkte schnell, dass die Zuwanderer aus dem Nahen Osten auch eine interessante Zielgruppe auf dem Werbemarkt sind. In Offenbach betreibt er eine Agentur für "Ethnomarketing", berät Firmen, wie sich Migranten ansprechen lassen. Als nach der EU-Osterweiterung viele Rumänen nach Deutschland kamen, gründete er etwa mit einem italienischen Partner eine rumänischsprachige Zeitung, die sich mit dem Leben hierzulande befasst. Als im September 2015 Geldtransfer- und Telekommunikations-Dienstleister anfragten, wie man die Asylbewerber im großen Stile erreichen könnte, kopierte Dutar dieses Modell. Fünf recht abenteuerliche Wochen später wurde die Erstausgabe ausgeliefert, in der sich vor allem Flüchtlinge mit ihrem Leben im neuen Land, mit dessen Bewohnern, Kultur und Bräuchen auseinandersetzten.

Während Abwab nun versucht, die kleinen Tücken des Flüchtlingsalltags zu erklären, beschäftigt sich in Berlin ein anderes Team mit den eher großen Fragen des theoretischen Überbaus. Im Oktober 2015 standen der deutsche Kreativunternehmer Mario Münster, der syrische Drehbuchautor Mohammad Abou Laban und sein Landsmann, der Regisseur Ziad Adwan, vor einem Berliner Falafelimbiss, in dessen Keller Letzterer gerade seine Hochzeit feierte. "Wir sprachen darüber, dass fast die gesamte syrische Intellektuellen- und Künstlerszene mittlerweile in Berlin versammelt ist - als hätte sie ein Raumschiff aus Damaskus und Aleppo gekidnappt und hergebracht", erzählt Abou Laban. Noch auf der Hochzeit entstand die Idee, diese spezielle Diaspora zu thematisieren - A Syrious Look heißt das Ergebnis. Das englischsprachige Magazin soll im Spätsommer erscheinen. Die Macher wollen damit nichts verdienen, die Einnahmen spenden.

Durch die Befreiung von der Zensur einerseits, durch die schrecklichen zu verarbeitenden Erlebnisse andererseits sei die syrische Kulturszene aufgeblüht, "wäre es nicht zynisch, könnte man sagen: explodiert", berichtet Abou Laban. Diese Künstler wolle man der deutschen Öffentlichkeit vorstellen, um das Klischee vom ungebildeten Flüchtling zu durchbrechen. Layout-Entwürfe zeigen eine cleane Coffeetable-Optik, durchbrochen von modernen, teils provokanten Bildern zu Krieg und Flucht.

Das Magazin soll jedoch auch in die Gesellschaft der geflüchteten Syrer wirken: Wie eine Identität im Exil, wie eine syrische Identität überhaupt aussehen kann - in der Heimat war darüber ja seit Jahrzehnten kein offener Diskurs möglich -, wird in langen Interviews und Beiträgen verhandelt. Abou Laban: "Antworten auf diese Fragen können nur wir selbst geben."