Flüchtlinge Lageso: Wie das Gerücht in Umlauf kam

Trauer um einen Toten, der sich als Trugbild erweist: Ein Mann stellt eine Kerze am Lageso ab.

(Foto: AFP)

Nach dem Facebook-Post einer Aktivistin überschlagen sich die Ereignisse und am Ende fällt alles in sich zusammen. Was genau ist passiert?

Viel Aufregung um einen Toten, den es in Wahrheit niemals gab: Alles fängt mit einem Facebook-Post am frühen Mittwochmorgen an. Um 5:16 Uhr in der Nacht vom 26. auf den 27. Januar veröffentlicht eine junge Frau dort einen Chatverlauf. Darin berichtet ein befreundeter Flüchtlingshelfer vom angeblichen Tod eines Flüchtlings am Lageso in Berlin. In dem Post heißt es:

"So. Jetzt ist es geschehen. Soeben ist ein 24-jähriger Syrer, der tagelang am Lageso bei Minusgraden im Schneematsch angestanden hat, nach Fieber, Schüttelfrost, dann Herzstillstand im Krankenwagen, dann in der Notaufnahme - VERSTORBEN."

Schnell verbreitet sich die Nachricht über Facebook und Twitter.

Wo ist der Tote?

Gegen sieben Uhr morgens wird Mario Czaja, der Berliner Senator für Gesundheit und Soziales (CDU), informiert. Die Mitarbeiter der Behörde verbringen die nächsten Stunden damit, alle Rettungsstellen und Krankenhäuser zu kontaktieren, sich mit Feuerwehr und Polizei zu verständigen. "Wo ist der Tote?", lautet die Frage, die alle umtreibt.

Kurz vor halb zehn berichtet die Deutsche Presse-Agentur über das Gerücht, alle großen Medien folgen.

Vor dem Lageso in der Berliner Turmstraße finden sich derweil Journalisten und Flüchtlingshelfer ein. Das Aktionsbündnis "Moabit hilft" bestätigt den Tod des Flüchtlings. Kerzen und Trauerbekundungen werden vor dem Lageso-Gebäude niedergelegt.

Auch Berliner Politiker äußern sich nun zu dem angeblichen Vorfall. "Ich habe noch keine Informationen, aber ich bin natürlich unendlich traurig", kommentiert die Integrations-Senatorin Dilek Kolat (SPD). Aus Oppositionskreisen werden Rücktrittsforderungen an Senator Czaja laut, sollte sich die Geschichte als wahr herausstellen.

Gegen Mittag wachsen allerdings die Zweifel am Wahrheitsgehalt der Meldung. Die Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales gibt bekannt, sie habe bisher noch keine Informationen zu einem möglichen Rettungseinsatz in Erfahrung bringen können. "Wir arbeiten mit Hochdruck daran, die Hintergründe zu erfahren", sagt eine Sprecherin.

"Wir haben keinen toten Flüchtling"

Für 13 Uhr kündigt das Bündnis "Moabit hilft" eine Pressekonferenz an, bei der auch der freiwillige Helfer anwesend sein soll, der die Nachricht in seinem Chat in Umlauf gebracht hatte. Aber dieser kommt nicht. Er hätte mitgeteilt, er wolle momentan seine Ruhe haben, erklärt die Sprecherin von "Moabit hilft", Diana Henniges. Sie bezeichnet den Helfer als vertrauenswürdig. Sollte der Fall sich doch als eine Falschmeldung herausstellen, räumt sie ein, "wäre das eine Katastrophe".

Am frühen Abend gelingt es der Polizei endlich, den Flüchtlingshelfer in seiner Wohnung zu befragen. Kurz nach 20 Uhr gibt die Behörde bekannt: "Wir haben keinen toten Flüchtling". Der Mann habe zugegeben, dass er sich die Geschichte ausgedacht habe.

In einer ersten Reaktion auf die Polizeierkenntnisse gibt das Bündnis "Moabit hilft" auf Facebook an, "fassungslos" zu sein. Man habe den Helfer in den vergangenen Monaten "als verlässlichen und integren Unterstützer an unserer Seite kennengelernt, der sich auf unterschiedlichste Weise für viele geflüchtete Menschen engagiert hat", heißt es in einer Mitteilung. Und weiter: "Wir kennen seine Motivation (...) nicht, und wollen dies auch nicht kommentieren."