Film über RAF-Opfer Vergessen neben Managern und Bankern

Vierzig Jahre wurde wenig über die vielen vergessenen Opfer der RAF gesprochen, über all die Polizisten, Hausmeister und Fahrer. Nun wirft ein Film mit Senta Berger einen Blick darauf. Den richtigen Blick.

Von Jochen Arntz

Er wird nicht mehr nach Hause kommen. Nie mehr. An diesem Morgen liegt er erschossen an einer Ausfallstraße, ein junger Polizist, der ein Auto stoppen wollte, das zu schnell durch die Stadt gefahren war. Eine banale Sache eigentlich, nur dass in diesem Auto ein Terrorist saß. Und der drückte ab.

Verzweifelt sucht Senta Berger alias Erika Welves nach dem Mörder ihres Mannes - der wie viele RAF-Opfer keinen großen Namen trug.

(Foto: WDR/Thomas Kost)

Das ist, ganz kurz erzählt, die Geschichte eines Polizisten, der die mörderischen siebziger Jahre in der Bundesrepublik nicht überlebte. Und meistens sind diese tödlichen Begebenheiten auch nicht länger erzählt worden, anders als die großen Geschichten der großen Namen, der Ermordeten Schleyer, Ponto und Buback.

Die Polizisten, die Hausmeister und Fahrer, die in diesem Kampf einiger Verrückter gegen die Republik das Leben ließen, haben bestenfalls ein Kreuz am Wegesrand bekommen. So wie die Männer, die 1977 umgebracht wurden, als sie in einer kleinen Kölner Straße den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer beschützen wollten, und es doch nicht konnten. Sechzig Kugeln allein feuerten die Terroristen auf einen der Leibwächter, aus nächster Nähe.

Vierzig Jahre ist in diesem Land wenig über die Leute gesprochen worden, die eines Tages nicht mehr nach Hause zu ihren Familien kamen, weil die RAF sie so nebenbei niedermetzelte, neben all den Managern und Bankern, die sie tötete. Was also sind schon 89 Minuten in vierzig Jahren? Ein Augenblick nur, doch diese 89 Minuten des Films In den besten Jahren sind anderthalb Stunden mit dem richtigen Blick. Mit dem Blick auf die vergessenen Geschichten der Bundesrepublik, die nur manchmal von guten Reportern erzählt wurden.

Senta Berger spielt in dem Film die Witwe des Polizisten und nach zwanzig Minuten sagt sie einen Satz, der es in sich hat: "Die kleinen Leute, die sie abknallten, die sind nie in den Bekennerschreiben aufgetaucht." Und wenn ihnen ein Gedenkkreuz am Weg zuteil wurde, wie in Köln, sind sogar die Namen der Opfer darauf falsch geschrieben worden.

Hartmut Schoen, der schon oft ausgezeichnete Regisseur und Autor, hat mit seinem Film also etwas nachgeholt, was so viele im Land längst vergessen haben. Er hat auf die Toten, die keine großen Namen trugen, eine Trauerrede verfasst; und Senta Berger hält sie, in großer Meisterschaft, für all die Witwen und die Hinterbliebenen.

Sie hält diese Rede nur mit den Worten, die wirklich nötig sind, sie muss in diesem stillen Film nicht immerzu sprechen, sie muss vor allem Haltung zeigen. Um sie herum ist das Leben weitergegangen in diesen vierzig Jahren, in denen für sie die Zeit stillstand. Sie bewahrt die Contenance, ist so gefasst wie der ganze Film, nur einmal, als im Radio ein Feuilletonist sagt, dass es so viele Geschichten über die Täter gebe, über die Terroristen, weil Geschichten über Opfer eher langweilig seien, da tritt sie so lange auf das Radio ein, bis es berstend zerbricht. Und sie Ruhe hat.

Diese Ruhe, die die anderen längst haben. Wie der Staatsanwalt, den die Witwe auf der lebenslangen Suche nach dem Mörder ihres Mannes trifft. Der kniet auf seiner Terrasse und streicht seelenruhig die Gartenmöbel mit weißer Farbe an, während die Frau des toten Polizisten darüber verzweifelt, dass der Terror ihr den Mann nahm. "Stört es Sie, wenn ich hier weitermache?" fragt der Staatsanwalt und schaut kaum auf. So war das in Deutschland, wo die anderen einfach weitermachten, und genau so muss man es erzählen, wenn man 89 Minuten für diese vierzig Jahre hat.

In den besten Jahren, ARD, 20:15 Uhr