Film "90 Jahre sind kein Alter" Blanche und der Tänzer

Arte zeigt einen berührenden Dokumentarfilm über die späte, unbedingte Liebe einer alten Frau, die ihr Leben schon lange vergessen hat.

Von Claudia Tieschky

An ein mageres Vögelchen erinnert diese alte Dame, sie schaut ängstlich und spricht kaum, und sie trägt unter dem Ärmel ihrer blassrosa Strickjacke auch einen dieser Streifen mit Aufdruck am Handgelenk, wie ihn Forscher an Zielobjekten anbringen. Ihr Vorname? Sie erinnert sich nicht, schaut jetzt noch ängstlicher. Wie alt sie ist? Ach, sehr alt, seufzt sie matt - "auch wenn man das im Gesicht nicht sieht". Zögernd: "Mehrere Jahre über achtzig." Dann wird sie zielsicher: "Sind Sie Franzose?" So fängt das an.

Ja, Thierry Thieu Niang ist Franzose, ein keineswegs ganz unbekannter Tänzer und Choreograf, und nun gibt er eine Woche lange diesen Tanzworkshop für Alzheimer-Patienten im Krankenhaus Charles-Foix in Ivry bei Paris. "Mein Papa ist Vietnamese und meine Mutter Französin", erklärt er der Dame mit dem Bändchen. Blanche heißt sie und wird tatsächlich so etwas wie der Forschungsgegenstand in diesem Dokumentarfilm, was wahrscheinlich nicht geplant war, aber dann passiert etwas. Denn während eigentlich alle auf der Station den attraktiven Thierry anhimmeln, verliebt sich Blanche ganz fürchterlich und rückhaltlos in ihn, mit der Unsicherheit, dem Kummer und den leuchtenden Augen eines ganz jungen Mädchens.

Die italienisch-französische Schauspielerin und Regisseurin Valeria Bruni Tedeschi war in diesem Jahr mit der Tragikomödie Die Überglücklichen im Kino zu sehen, in der sie als Anstaltsbewohnerin aus einem Pflegeheim ausreißt, das natürlich etwas pittoresker ist als das in Ivry. Bekannt ist auch, dass sie ihre Mutter Marisa Borini, inzwischen 86, gerne in ihren Filmen auftreten lässt, vorzugsweise in Rollen als gnadenlose Mutter. Valeria Bruni Tedeschi hatte für ihren ersten Dokumentarfilm eigentlich ein Porträt von Thierry Thieu Niang im Sinn, aber es liegt nahe, dass seine Arbeit auf der Pflegestation sie reizte und sich das Thema dann verlagerte.

Er umkreist und umschwirrt die alten Damen - und ganz plötzlich erzählen sie ihm von früher

Ein Porträt ist der Film, den sie gemeinsam mit Yann Coridian drehte, trotzdem geworden; allerdings eines, bei dem Thierry Thieu Niang ein sehr rätselhafter Mittelpunkt ist, mehr eine Art Medium oder Schamane. Dieser den Alten und Kranken liebevoll zugewandte Mann tanzt mit manchmal halb abwesenden Patientinnen, so gut es eben geht, er springt, wirft sich auf den Boden, umkreist und umschwirrt sie, reißt die Arme hoch und die Augen auf, bis die ungewohnte Bewegung, sei sie noch so klein, etwas bei ihnen herauslockt. Auf einmal erzählen sie ihm von früher, von der Liebe meistens, wirr sehr oft, kichernd manchmal. Er hört genau zu.

Aber mit Blanche ist es etwas Besonderes - wenn er mit ihr tanzt, schauen alle hin, und sie lächelt ihn so schön an. Körperlich geht es ihr sichtlich besser. An dem Punkt wird es berührend und heikel zugleich. Es ist ja doch nur ein Tanz, ein Spiel, Thierry Thieu Niang ist nur Besucher - und außerdem eben auch ein bisschen wie Jesus, er kann halt nicht nur für eine da sein, er muss sie alle lieben und allen helfen, arme Blanche.

Da stellen sich Fragen: Ist es nicht schamlos, die hilfsbedürftige, zarte Greisin so liebeskrank zu zeigen? Ist ihr überhaupt klar, dass sie gefilmt wird? Ist es nicht etwas platt, was der Film vor allem nahelegt und irgendwie auf die Floskel hinausläuft, dass Verliebtheit kein Alter kennt? Das zwiespältige Gefühl bleibt. Und doch könnte niemand vorsichtiger, niemand respektvoller mit der Situation umgehen als Thierry Thieu Niang. Vielleicht liegt die große humane Irritation dieses faszinierenden Films vom Tänzer und dem "jungen Mädchen im Alter von 90" (Originaltitel) genau darin: dass er von einem reinen Liebesdienst handelt.

90 Jahre sind kein Alter, Arte, Mittwoch, 21.50 Uhr im Rahmen des Dokumentarfilmfestivals auf Arte von Dienstag, den 6. bis Donnerstag, den 8. Juni.