"Wölfe" auf Arte Einsamer Wolf mit zwielichtiger Agenda

Thomas Cromwell (Mark Rylance, Mitte) ist ein Self-Made-Intellektueller, Politiker und Geistesmensch - nur mit der katholischen Kirche hat er es nicht so.

(Foto: Company Pictures/Playground Entertainment for BBC 2015/Giles Keyte)

Die BBC hat aus dem preisgekrönten Roman "Wölfe" eine hervorragende TV-Serie gemacht. Die sechs Folgen um die Schlüsselfigur Thomas Cromwell erinnern an Gemälde von Rubens - und an die US-Serie "Homeland".

Von Bernd Graff

Es hat viele spannende Phasen in der englischen Geschichte gegeben, doch kaum eine erwies sich als so ereignisgeladen wie die Zeit um die Wende zum 16. Jahrhundert, die Zeit des Tudor-Königs Heinrich des VIII., eine Ära, die von der BBC zu einem TV-Sechsteiler verarbeitet wurde, den Arte nun im deutschen Fernsehen ausstrahlt.

1491 führt der zehnjährige Heinrich die Braut seines älteren Bruders Arthur zum Altar. Dieser ist der designierte Thronfolger, seine Frau wird die später als Kriegsherrin populär gewordene Katharina von Aragon, eine spanische Prinzessin.

Arthur verstirbt jedoch kurz nach dieser Hochzeit. Auf Wunsch des Vaters soll der kleine Heinrich die Witwe ehelichen - und so kommt es auch. Allein, Katharina bekommt keine Söhne. Der virile Heinrich VIII. will seine Ehe darum vom Papst annullieren lassen. Der sperrt sich.

1529, 20 Jahre nach seiner Hochzeit, versucht Heinrich immer noch die Ehenichtigkeitserklärung zu erwirken. Der eigentliche Grund dafür - neben der Nachfolgerfrage - aber ist, dass er inzwischen seine Mätresse Anne Boleyn heiraten will. Der Papst gibt sich weiterhin sperrig: "Non possomus", antwortet er in deutlichstem Latein-Nein.

Selbst der ranghöchste Geistliche des Königs, der Erzbischof von Canterbury Thomas Wolsey, kann gegen den Sturkopf in Rom nichts ausrichten. Was jetzt, Mr. King? Dies ist die verzwickte historische Ausgangslage für diesen Sechsteiler nach dem Booker-Prize gewürdigten Roman Wölfe (Wolf Hall) von Hilary Mantel.

Bilder, so opulent wie in der Renaissance

Der britische Regisseur Peter Kosminsky (Weißer Oleander) hat Regie geführt und seine TV-Bilder so opulent wie ein Renaissancefürst ausgestattet. Ausgesucht ausgeleuchtet sind sie zudem, sie wirken wie die kerzenbeschienenen Figuren auf Ölgemälden von Peter Paul Rubens und El Greco. Das scheint ohnehin ein BBC-Faible zu sein: Die Bilder zur aktuellen Serie Krieg und Frieden nach Tolstoi sind ähnlich meisterhaft beleuchtet.

Schon die ersten Szenen von Wölfe setzen also sehr pittoresk damit ein, dass der pompöse Wolsey (Jonathan Pryce), Sohn eines Fleischers, bei kleinem Nachtmahl die königlichen Gesandten erwartet, die ihn wegen Versagens vor dem Heiligen Stuhl entmachten sollen.

Doch der nervöse Kirchenfürst, der um das baldige Ende weiß, erfährt von dem brillanten Anwalt Thomas Cromwell (großartig zurückgenommen gespielt von Shakespeare-Darsteller Mark Rylance), dass er gar nicht abdanken darf. Cromwell, als Sohn eines Hufschmieds ebenfalls von einfacher Geburt, ist ein Selfmade-Intellektueller, Politiker und sowieso Geistesmensch, ein "Mann von vielen Talenten" (Wolsey), aber: Er ist kein Freund der katholischen Kirche - obwohl er dem Erzbischof wieder zu königlicher Gunst verhelfen will. Doch Wolseys Tage sind gezählt. Sein Palast geht an - Anne Boleyn (Claire Foy), die inzwischen zur "offiziellen" Schattenkönigin Heinrichs VIII. aufgestiegen ist.

Nur Thomas Cromwell selbst weiß, welches Spiel er bei Hofe treibt

Wolseys Nachfolger im geistlichen wie im Lordkanzler-Amt wird Thomas More (Anton Lesser), ein eilfertiger Diener des Papstes und den eigenen Verlautbarungen zufolge längst nicht so korrupt wie Wolsey. Eine Heuchelei, die Cromwell unaufgeregt, aber offen ausspricht. Sofort sind sich die beiden spinnefeind.

Es ist dann aber wiederum Cromwell, der Anne Boleyn den ehemaligen Palast Wolseys übereignet. Was die Schlüsselfigur also antreibt, welche Agenda er gegen das Wolfsrudel der Günstlinge und Mätressen am Hof Heinrichs VIII. verfolgt, das weiß nur dieser einsame Wolf selber.

Wie dann aber der Souverän, der grundmisstrauische Heinrich VIII., gespielt von Damian Lewis, dem "Brody" aus Homeland, in dieses untergründige Geschehen eingreifen wird - oder auch nicht -, das sind offene Fragen, die für den Kitzel der Serie sorgen werden.

Arte, je drei Folgen am 21. und 28. Januar, von 20.15 Uhr an.