Fernsehfilm Heimatfront

Bedroht am Berg: Arnold Stein (Ulrich Matthes).

(Foto: Schiwago Film/WDR)

Auf einmal im Krieg: Der Thriller "Fremder Feind" erzählt in einer perfekten Inszenierung mit Ulrich Matthes von einem Vater, dessen Sohn in Afghanistan stirbt.

Von Hans Hoff

Mit dem Krieg da unten wollen sie nichts zu tun haben, die Menschen hierzulande. Afghanistan ist weit weg. Der ewige Krieg dort, von dem man nie sicher weiß, ob er wirklich einer ist, ist nicht unserer. Das Innenministerium hält das Land für sicher genug, dass es dorthin abschieben lässt. Was also in Herrgottsnamen haben wir zu tun mit diesem Krieg?

Wer auf diese Frage eine Antwort sucht, wird möglicherweise fündig in einem Buch, das Krieg heißt. Jochen Rausch hat es geschrieben, der Wuppertaler Schriftsteller, der im Nebenberuf auch stellvertretender Hörfunkchef beim WDR ist. Krieg heißt sein Buch, das vor Jahren möglicherweise nur ein überschaubarer Erfolg wurde, weil Buchkäufer vor einem solchen Titel zurückschrecken. Da mussten erst der Regisseur Rick Ostermann und die Drehbuchautorin Hannah Hollinger kommen, um diese Zugangshürde zu schleifen. Krieg heißt als Film jetzt nicht mehr Krieg, sondern Fremder Feind. Der Titel ist ein anderer, aber es geht um dieselben Dinge, um die Frage, was wir mit diesem Krieg zu tun haben, und um die Antwort, die lautet: sehr viel.

Im Mittelpunkt der Geschichte stehen Arnold und Karen Stein, gespielt von Ulrich Matthes und Barbara Auer, ein gut situiertes Ehepaar mit Einfamilienhaus und der gepflegten Langeweile, in der man sich einrichtet, wenn man lange zusammen ist. Mit Krieg haben sie nichts zu tun. Sie fühlen sich als Pazifisten und sind dementsprechend schockiert, als ihnen ihr Sohn offenbart, dass er als Soldat nach Afghanistan geht. Schon in wenigen Tagen. Sie überwinden den Schock mit professioneller Zuversicht. Sie sagen, dass dem Sohn schon nichts passieren wird, aber sie spüren, dass diese Wahrheit eine fragile ist.

Die Beschreibung des Paares, das den Sohn verliert, ist aber nur der Hintergrund, vor dem eine andere Geschichte spielt. Nach der Todesnachricht, die das Leben des Paares zerstört, findet sich Arnold wieder im tiefen Schnee. Er will sich zurückziehen in eine Hütte hoch am verschneiten Berg, die er einst erworben hat. Aber er findet sie verwüstet vor. Mehrmals. Da ist noch jemand am Berg, jemand, der sich als Bedrohung erweist, jemand, der nicht zu sehen ist, der aber trotzdem bekämpft werden muss. Auf einmal ist der Krieg da, ganz nah, mitten im Leben des Pazifisten. Auf einmal muss er jemanden bekämpfen, der genauso unsichtbar ist wie die Gegner, denen sich der Sohn in Afghanistan entgegenstellte.

Der Weg der Hauptfigur führt von der Lakonie in die Eskalation

Ulrich Matthes spielt mit beklemmender Ratlosigkeit diesen Arnold, dessen Leben in Trümmern liegt, der sich dem Sog der Ereignisse nicht entziehen kann, obwohl er sich anfangs so unverletzbar wähnte. Jetzt, da er alles verloren hat, scheint auch das Unmögliche möglich zu sein.

Es wird viel mit Andeutungen gearbeitet in diesem perfekt inszenierten Stück Fernsehen, das pendelt zwischen der Bedrohung am Berg und den Rückblenden, die beschreiben, wie alles so ordentlich erschien, bevor der Krieg in die Menschen kam. Ulrich Matthes ist ein brillanter Arnold, ihm steht anfangs eine gewisse Lakonie ins Gesicht geschrieben, aber je länger der Film diese Figur begleitet, desto mehr zerfällt diese Fassade, desto eindeutiger scheint der Weg beschrieben zu sein, der in die Eskalation führt.

Man hat sich sehr gefreut beim WDR, dass der Film seine Premiere beim Filmfestival von Venedig feiern durfte. Eine Ehre, die man im Kölner Sender nicht alle Tage verbuchen kann. Viel hat das natürlich zu tun mit dem Regisseur. Schon Ostermanns Film Wolfskinder war ein Fall für Venedig.

Ob diese Ehren Auswirkungen auf die Fernsehausstrahlung im Ersten haben, muss sich zeigen. Möglicherweise erwarten die Menschen an einem normalen Mittwochabend etwas anderes als Krieg auf dem Bildschirm.

Fremder Feind, Das Erste, 20.15 Uhr.