Fasching Und Tusch!

Olle Kamellen: In der Bütt hat der Sitzungskarneval Nachwuchsprobleme - der Tanzkorps Rote Husaren Neuenkirchen präsentiert sich dagegen rüstig.

(Foto: WDR/Rüdiger Wölk)

Früher waren Karnevalssitzungen im Fernsehen mal echte Quoten-Hits, heute bringen die Sender immer weniger Narren ins Programm. Eine Recherche zwischen Franken und Frankfurt.

Von René Martens

Bayerische Sonderwege sind nicht selten, vor allem in der Politik. Im Bereich der närrischen TV-Unterhaltung gibt es sie aber auch, wie die Geschichte der Sendung Fastnacht in Franken zeigt. Die Quote der seit 1987 in Veitshöchheim aufgezeichneten Sendung liegt kontinuierlich weit über 40 Prozent, 2015 erreichte sie sogar ein Allzeithoch. 48 Prozent (2,4 Millionen Zuschauer) betrug der Marktanteil in Bayern - mehr als bei jeder anderen Sendung des Bayerischen Fernsehens seit 1991. Kathrin Degmair, als Leiterin des BR-Studios Franken für die Sendung zuständig, sagt, Fastnacht in Franken sei eine wirklich generationenübergreifende Fernsehsendung. Und die sind bekanntlich rar.

Die Karnevals-Verantwortlichen anderer Sender haben weniger gute Laune. ARD und ZDF gehen mit einem reduzierten Angebot in die Saison: Statt wie 2015 neun Sendungen strahlen sie nur noch fünf aus. Die ARD, die am kommenden Montag mit der Aachener Sitzung Wider den tierischen Ernst startet, erreichte 2015 bei den 14- bis 49-Jährigen teilweise einen Marktanteil von weniger als zwei Prozent. Deshalb spart man sich 2016 die Sendungen Frankfurt Helau und Bütt an Bord. Auch das ZDF reagiert auf das abnehmende Zuschauerinteresse. Die Mainzer verzichten in diesem Jahr auf Karnevalissimo und senden statt drei Sitzungen aus Köln nur noch eine. Für 2017 ist aber ein neues Format in Arbeit.

Was läuft in Veitshöchheim anders als im Rest der Republik? "Wir verzichten auf das Verleihen von Orden und auf lange Begrüßungsreden, all das, was für die Masse der Fernsehzuschauer tendenziell weniger spannend ist", sagt Kathrin Degmair. Die Sendung, die der BR in diesem Jahr am 29.1. zeigt, bestehe nicht nur aus Klamauk, sie enthalte auch "vielfältige hintergründige und intellektuelle Elemente" - passend zum fränkischen Humor, den Degmair "unprätentiös-hochklassig" findet. Als weiteren Faktor für die mirakulösen Quoten von Fastnacht in Franken erwähnt Degmair den breiten Horizont der verantwortlichen Redakteure: Rüdiger Baumann moderiert sonst unter anderem die Magazinsendung Frankenschau, Redaktionsleiter Norbert Küber ist zuständig für Radio-Features.

Für die Dritten geht es nicht nur um Marktanteile - Fastnacht ist Teil der regionalen Identität

Die Dritten Programme haben generell einen anderen Blick aufs Genre als die bundesweiten. Wenn sich das ZDF nach den "knallharten Regeln des Unterhaltungsfernsehens" richte, sei das verständlich, sagt Gerhard Motzkus, der beim SWR in Stuttgart die regionale Unterhaltungsredaktion leitet. Sein Sender könne dagegen nicht nur auf Zahlen schauen, sondern müsse berücksichtigen, dass Karneval zur "regionalen Identität" gehöre. Mit Blick auf die Quote spricht Motzkus von "Bröckeln auf hohem Niveau". Die drei von ihm verantworteten Fastnacht-Sendungen hatten 2015 einen Marktanteil zwischen 9,3 und 13,7 Prozent.

Der SWR hat sein Angebot daher noch nicht reduziert, man präsentiert insgesamt weiterhin fünf Shows. Motzkus sagt aber auch: "Wir bemühen uns, junge Leute auf die Bühne zu holen, damit nicht nur 50- oder 60-Jährige oder noch Ältere in der Bütt stehen. Aber wenn wir die nicht finden, wird die Bühnen-Fastnacht vielleicht zu einem aussterbenden Genre."

Droht dem Karnevals-TV also ein ähnliches Schicksal wie der Volksmusik?

Damit es nicht so weit kommt, sucht der SWR gemeinsam mit den Sitzungs-Veranstaltern nach Nachwuchs. Die Vereinigung Badisch-Pfälzischer Karnevalsvereine, der die TV-Sitzung in Frankenthal veranstaltet, organisiert zum Beispiel "Büttenseminare", bei denen talentierte Komiker lernen, wie man schmissige und versmaßsichere Reden schreibt. "Aber natürlich kommen da nicht jedes Jahr fünf, sechs Talente zum Vorschein", meint Motzkus.

Siegmund Grewenig, der Unterhaltungschef des WDR, sagt, es gebe bei den großen Sitzungen "immer weniger gute Redner". Dieser "schleichende Prozess" habe sich auch auf die Quoten ausgewirkt. "Für das Publikum im Saal ist so eine Sitzung ein Gemeinschaftserlebnis. Da spielt die Musik eine wichtige Rolle. Der Zuschauer vor dem Fernseher hat dieses Gemeinschaftserlebnis nicht, für ihn sind die Wortbeiträge viel wichtiger", sagt Grewenig.

Um jüngere Zuschauer für den Karneval zu gewinnen, hat der WDR 2015 zum ersten Mal Deine Sitzung mit Carolin Kebekus ausgestrahlt. Im Hörfunk lief die Show bereits in den Jahren zuvor. Die Komikerin persifliert in ihrer Sendung unter anderem traditionelle Sitzungen. "Im Kern ist das Karneval mit Comedyelementen", sagt Grewenig. Weitere Programme, "die in diese Richtung gehen", seien vorstellbar.

Kebekus kommt eigentlich von der Konkurrenz. "Wenn Comedy das ganze Jahr auf allen Kanälen läuft" (SWR-Mann Motzkus), sinkt das Interesse, zur Fastnacht auch noch Witzbolde zu sehen. Doch auch unter den Komikern sucht der SWR nach Nachwuchs. "Für mich gibt es nicht Comedy oder Fastnacht", sagt Motzkus. "Für mich gibt es nur gute oder schlechte Texte." WDR-Mann Grewenig differenziert dagegen: "Ein Karnevalsredner und ein Comedian sind nicht dasselbe. Karneval hat ein anderes Tempo, der Tusch spielt eine große Rolle."

Nachwuchsprobleme kennt man beim BR nicht. Gemeinsam mit dem Fastnacht-Verband Franken betreibe man seit Jahren "nachhaltige Talentförderung", sagt Degmair. "Unsere Redakteure schauen sich auf Empfehlung des Verbands Programme in der Region an, um junge Künstler zu entdecken." Die baue man dann in "vergleichsweise kleinen Produktionen" wie Die Närrische Weinprobe und Wehe wenn wir losgelassen für die Hauptsendung auf.

Weil Fastnacht in Franken jünger wirkt als andere Formate, schunkeln relativ viele Jugendliche und junge Erwachsene mit, 23,7 Prozent betrug der Marktanteil der 14- bis 29-Jährigen im bayerischen Sendegebiet zuletzt. Das wiederum ist einer der Gründe, warum ARD-intern immer mal wieder Überlegungen aufpoppen, die Sendung ins Erste zu hieven. "Das ehrt uns", sagt Degmair. Die Studioleiterin in Nürnberg macht aber deutlich, dass eine derartige Veränderung, die man auf den ersten Blick als Aufstieg interpretieren könnte, nicht im Sinne des BR sei. Fastnacht in Franken sei "identitätsstiftend für die fränkisch-bayerische Note" des Senders. Es gebe überhaupt keinen Anlass, an den jetzigen Gegebenheiten etwas zu ändern.

In der vergangenen Woche haben der BR und einige Fastnacht-in-Franken-Künstler ein Lied zur Sendung präsentiert: "Fastnacht im Frankenland / Ist überall bekannt / Von Lindau bis Berlin / Und hoch zur Norderney." Dass im vergangenen Jahr unter den eineinhalb Millionen Zuschauern außerhalb Bayerns all zu viele Ostfriesen waren, ist allerdings nicht verbürgt.