Fall Dieter Wedel Saarländischer Rundfunk kritisiert frühere Senderverantwortliche

Von den Vorwürfen zweier Schauspielerinnen gegen Dieter Wedel wussten SR-Verantwortliche schon kurz nach den mutmaßlichen Ereignissen Anfang der Achtzigerjahre.

(Foto: dpa)

Der SR ist der einzige Sender, der bisher aussagekräftige Akten zum Fall Wedel gefunden hat. Sie werfen kein gutes Licht auf die Anstalt.

Von Kathleen Hildebrand

Machtkonzentration, Geltungsdrang, finanzieller Druck und das gesellschaftliche Klima der Zeit - mit diesen Faktoren erklärt der Saarländische Rundfunk in seinem vorläufigen Abschlussbericht, wie geschehen konnte, was vor beinahe vierzig Jahren offenbar geschehen ist. Der Bericht ist das Ergebnis einer internen Untersuchung, die eine Taskforce in Angriff nahm, nachdem Recherchen der Zeit im Januar Vorwürfe publik gemacht hatten, dass es bei den Dreharbeiten zur Serie Bretter, die die Welt bedeuten zu sexuellen Übergriffen durch den Regisseur Dieter Wedel gekommen sein soll.

Der SR hatte im Jahr 1980 die gesellschaftsrechtlich als seine Enkeltochter agierende Telefilm Saar mit der Produktion beauftragt. 16 Folgen, vier Millionen D-Mark Budget - die Serie war ein Prestigeprojekt für den kleinen Sender. Vor allem wegen des schon damals berühmten Regisseurs und Drehbuchautors Dieter Wedel. Vom Prestige ist heute wenig übrig: Zwei Schauspielerinnen werfen Wedel vor, sie während der Dreharbeiten sexuell belästigt und gedemütigt zu haben. Eine von beiden, die Schweizerin Esther Gemsch, soll er beim Versuch, sie zu vergewaltigen so schwer an der Halswirbelsäule verletzt und dann am Set bloßgestellt haben, dass sie die Dreharbeiten abbrechen musste. Ihre Nachfolgerin, Ute Christensen, berichtet, so schwer unter Wedels Demütigungen und sexuellen Annäherungen gelitten zu haben, dass sie eine Fehlgeburt erlitten habe. Wedel bestreitet alle Vorwürfe.

Ein Skandal in grauen Aktenordnern

Der Saarländische Rundfunk stellt sich der Affäre um die sexuellen Übergriffe des Regisseurs Dieter Wedel und arbeitet eine lange vergessene Produktion von 1981 auf. Wie geht das? Von Kathleen Hildebrand mehr ...

Wem hier zu glauben ist, steht nicht im Bericht des SR. Der Auftrag der Taskforce sei nicht gewesen zu klären, ob die Vorwürfe gegen Wedel zuträfen, betont SR-Justitiar Bernd Radeck. Sondern das damalige Verhalten der Verantwortlichen aufzuklären. Sein Urteil: "Insgesamt sind die damaligen Funktionsträger bei Telefilm Saar und SR an heutigen Maßstäben gemessen der besonderen Verantwortung, die nach Erhebung der Vorwürfe angebracht gewesen wäre, nicht gerecht geworden." Die großen Fragen: Wer wusste wann was? Und wer handelte daraufhin wie?

Schauspielerin Gemsch wurde versichert, Wedel beschränke sich "auf berufsmäßige Kontakte"

Aus Akten und Zeitzeugengesprächen hat die Taskforce Folgendes rekonstruiert: Mitte Dezember 1980 mussten die Dreharbeiten in München erstmals unterbrochen werden, weil Hauptdarstellerin Gemsch ausfiel. Das Attest über eine Halswirbelverletzung findet sich in den Akten. Spätestens zu diesem Zeitpunkt erfuhren die Geschäftsführung der Telefilm Saar und der SR-Fernsehprogrammdirektor von den Vorwürfen - und hätten handeln können.

Was zwei Vertreter von Telefilm und SR aber taten, war, den Fortgang der Dreharbeiten sicherzustellen und einen möglichen Presseskandal zu verhindern. Gemsch wurde versichert, dass Wedel sich in Zukunft "auf berufsmäßige Kontakte zu ihr beschränken" werde. Sie dreht weiter, kündigt aber nach einer erneuten Demütigung durch den Regisseur - offenbar war nicht geregelt worden, wer Wedels Verhalten gegenüber seinem Team kontrollieren sollte. Das ist nicht verwunderlich, denn der eigentliche Herr im Haus war die von der Telefilm beauftragte Active Film, Wedels eigene Produktionsfirma. Wedel war damit nicht nur Regisseur und Drehbuchautor, sondern auch Produzent. Eine Machtkonzentration, die dem Bericht zufolge schon damals nicht dem SR-Regelwerk entsprach.

Nach wenigen Monaten Drehzeit erleidet auch die neue Hauptdarstellerin einen "Nervenzusammenbruch" und wird ins Krankenhaus gebracht. Durch die erneute Unterbrechung der Dreharbeiten und die Umarbeitung der Drehbücher steigen die Produktionskosten auf 8,6 Millionen D-Mark an, eine andere Tochter des SR muss finanziell einspringen. Im Zuge dessen erfährt auch die Intendanz spätestens im Oktober 1981 von den Vorwürfen. Dem Bericht zufolge soll der finanzielle Druck ein Grund für die ausbleibenden Konsequenzen gewesen sein.

Bemerkenswert ist, dass damals offenbar niemand bei der Telefilm Saar an den Aussagen der Frauen gezweifelt hat: Nach der erneuten Unterbrechung der Dreharbeiten bestellt die Telefilm den Geschäftsführer der Active Film nach Saarbrücken ein, in einem Schreiben wird Wedels Verhalten als "grob produktionsgefährdend" bezeichnet. Der Geschäftsführer der Active ist bereit, die Rechte am Drehbuch abzutreten und Wedel nicht weiter als Regisseur zu beschäftigen. Allein: Die Fernsehprogrammdirektion verhindert diesen Schritt. Wedel sei der Grund gewesen, die Serie überhaupt in Auftrag zu geben. Der Streit zwischen Wedel und Darstellerin Christensen sei, so heißt es in einem Schreiben an die Telefilm, "zunächst eine persönliche Angelegenheit". Auf das Prestige wollte man offenbar weiter nicht verzichten.

Konsequenzen? Es gehe vor allem um die Stärkung einer angstfreien Unternehmenskultur im SR

Was zieht der SR nun für Konsequenzen? Es gehe vor allem, heißt es im Bericht, um die Stärkung einer angstfreien Unternehmenskultur. Auch bei Schulungen für Führungskräfte werde der Sender die Themen Machtmissbrauch und sexuelle Übergriffe stärker thematisieren. Außerdem unterstütze der SR die Einrichtung einer unabhängigen Beschwerdestelle.

"Das ist alles richtig", sagt Barbara Rohm dazu, Mitbegründerin und Vorstandsmitglied von ProQuote Film. "Aber solche Versprechen sind nur so viel wert wie die Maßnahmen, die auch tatsächlich umgesetzt werden. Wer wird dafür zuständig sein, dass diese Änderungen in der Unternehmenskultur auch kommen? Wird das evaluiert? Und wenn ja: wie?" Vorfälle wie die Dieter Wedel zur Last gelegten blieben heute vielleicht nicht mehr ohne Konsequenzen. In den vergangenen 40 Jahren habe sich einiges zum Guten verändert, aber was strukturellen Sexismus angehe, vom Gender Pay Gap über das Misstrauen gegenüber den Fähigkeiten von Frauen und ihre Darstellung in Film und Fernsehen, "da stehen wir noch am Anfang."

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