Fall Cosby Darf man die "Cosby Show" noch gut finden?

Bill Cosby war in der nach im benannten Sitcom nicht nur liebevoller Ehemann und Vater, sondern avancierte zur moralischen Instanz Amerikas. (Archivbild vom 6.März 1992)

(Foto: picture alliance / AP Photo)

Bill Cosby war "America's Dad" und steht wegen sexueller Nötigung vor Gericht. Die "Bill Cosby Show" deswegen zu verteufeln, wäre aber falsch.

Von Carolin Gasteiger

Es geht ja um niemand Geringeren als "America's Dad". Bill Cosby, der Mann, der als Heathcliff Huxtable in The Cosby Show genau der Ehemann und Vater war, den sich ein ganzes Land wünschte. Klug, liebevoll und vor allem: komisch. Huxtable bringt seiner Tochter Rudy, die krank im Bett liegt, nicht nur Tee. Er spielt ihr mit den für Cosby typischen Grimassen auch vor, wie die Viren in ihrem Körper gerade "Party machen". Als sein Sohn Theo nicht mehr studieren will, weil ihm ein "regulärer Job" reicht, flippt Vater Huxtable nicht etwa aus. Er nimmt Theos Wunsch ernst, setzt sich mit ihm hin und zeigt ihm mit echten Geldscheinen, wie schnell 1200 Dollar brutto im Monat ausgegeben sind. Huxtable nimmt seine Kinder ernst und findet zwischendrin auch noch Zeit, seiner Frau zu Jazzmusik auf dem Sofa die Füße zu massieren.

The Cosby Show, die von 1984 bis 1992 auf NBC lief, ist die am meisten gesehene Sendung mit schwarzer Besetzung im amerikanischen Fernsehen. Kaum eine Serie hat Afroamerikaner so darin beeinflusst, wie sie sich und die Welt sehen. Heathcliff Huxtable avancierte bald zum moralischen Vorbild für ganz Amerika. Trotz all der Grimassen und grausam gemusterten Pullover verkam der nette Dad und charmante Ehemann nie zum Clown, sondern blieb respektabel.

Aber der Schauspieler hinter diesem moralischen Vorbild steht wegen sexueller Nötigung vor Gericht. Etwa 60 Frauen haben in den vergangenen Jahren Missbrauchsvorwürfe gegen den Entertainer erhoben, ein Fall wird nun verhandelt. Noch berät die Jury über das Urteil.

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Und, wie immer wenn ein Künstler sich schlecht benimmt, stellt sich die Frage: Darf man sein Werk trotzdem noch gut finden?

Es ist ein Dilemma, vor dem man immer wieder steht - bei Woody Allen, bei Roman Polanski, zuletzt bei Casey Affleck. Bei Cosby steht außer Frage, dass er mehrere Frauen mit Betäubungsmittel gefügig gemacht hat. Das hat er bereits unter Eid zugegeben. Und darum noch einmal die Frage: Darf man die Show, in der Bill Cosby einen Gynäkologen spielt, der seine Patientinnen im Keller seines Wohnhauses trifft und seiner Frau verstohlene Küsschen im Wohnzimmer zuhaucht, noch guten Gewissens ansehen?

Anders gefragt: Hat Bill Cosby mit seinen privaten Verfehlungen auch sein künstlerisches Werk zerstört? Als die Vorwürfe gegen den Entertainer aufkamen, nahmen mehrere Fernsehstationen seine Sendungen immerhin aus dem Programm.

Bill Cosby ist schließlich nicht irgendein Comedian. Er sieht sich selbst als moralische Instanz. Der inzwischen 79-jährige promovierte Pädagoge verfasste Erziehungsratgeber, sorgte sich um schwarze Jugendliche und deren mangelnde Ausbildung und spendete Millionen Dollar an amerikanische Unis. Vielleicht hat es deshalb auch so lange gedauert, bis die Vorwürfe gegen Cosby endgültig verfingen. Weil sich nicht nur seine Opfer, sondern auch die Öffentlichkeit schwer vorstellen konnten, dass ausgerechnet America's Dad zu solchen Taten fähig sein kann.

Als Comedian, der live auftritt, hat sich Bill Cosby selbst demontiert. Als jemand, der in Stand-Up-Comedy-Programmen Witze macht, ist Cosby völlig er selbst. Und diskreditiert. Selbst wenn die Geschworenen ihn freisprechen, Cosbys Integrität ist vorerst dahin.

Aber, und das ist das Entscheidende: The Bill Cosby Show verliert dadurch nicht an Wert. Man darf es sich nicht zu einfach machen. Es ist anspruchsvoller geworden, die Cosby Show anzuschauen. Weil man die Kunst vom Künstler trennen muss. Weil The Bill Cosby Show für die amerikanische Gesellschaft viel zu bedeutend ist. Sie bricht schließlich unter anderem sehr unangestrengt mit dem Klischee, dass das Leben von Schwarzen nicht nur von Drogen, Kriminalität und Armut gekennzeichnet ist, sondern ganz normal und bürgerlich verlaufen kann. Die Huxtables plagen alltägliche Probleme, etwa, wann Vanessa sich schminken darf (mit 15), woher der Joint aus Theos Schulbuch kommt (von seinem Freund natürlich) oder welches College Denise besuchen soll (Hillman!). The Cosby Show ist, wie es die New York Times formuliert, "eine bemerkenswerte Sendung über die Kraft des Unauffälligen".