Fake News Sag die Wahrheit

Die Wahrheit ist keine Frage der Perspektive - der Claim der Faktencheck-Plattform Stimmtdas.org. Das sahen auch Wissenschaftler im Februar 2017 so, als sie in Boston gegen "alternativen Fakten" demonstrierten.

(Foto: Steven Senne/dpa)

Mit einem Team von 15 Mitarbeitern prüft die Plattform "Stimmtdas.org" Aussagen von Politikern. Und sie ist nicht allein. Faktenchecken ist im Wahljahr ein Modethema.

Von Kathrin Hollmer

Das Team von Stimmtdas.org nimmt es genau mit Zahlen. 450 Stunden Skype-Calls, mehr als 500 Slack-Nachrichten pro Woche, 24 Namensvorschläge und zwei Offline-Treffen listen sie unter anderem auf ihrer Webseite auf - als Zusammenfassung der vergangenen sechs Monate, in denen sie ihre Initiative gegründet haben: eine überparteiliche und nicht- kommerzielle Faktencheck-Plattform. Und ebenso genau wollen sie auf ihrem Portal, das vergangene Woche online ging, die Aussagen von Politikern auswerten.

Zumindest zum Start ist ihnen das auch geglückt. In den ersten Artikeln auf der Plattform schlüsselt das Redaktionsteam um Alexander Wuttke, 30 Jahre alt und Promotionsstudent in politischer Psychologie aus Mannheim, und Hauke Pfau, 26, Public-Administration-Student aus Berlin, detailliert auf, wie nah an der Wahrheit Spitzenpolitiker in ihren Reden, bei Talk-Show-Auftritten, in Interviews, auf Facebook und Twitter bleiben.

"Donald Trump, der den Trend zur Relativierung der Wahrheit und damit zur Normalisierung der Lüge verkörpert, hat uns den Anstoß gegeben", sagt Alexander Wuttke am Telefon. Aus dem Paradoxon der "alternativen Fakten", das seit dem vergangenen US-Wahlkampf Einzug in den Sprachgebrauch genommen hat, entstand auch ihr Claim: Die Wahrheit ist keine Frage der Perspektive. "Politiker sollen nicht denken, dass sie Dinge in die Welt setzen können, die niemand nachprüft", sagt Wuttke. Dass eine Prüfung nötig ist, sieht man erneut in den USA: Glenn Kessler, Fact Checker der Washington Post, konnte Trump allein in den ersten 137 Tagen seiner Amtszeit 623 Lügen nachweisen. Und auch in Deutschland sind Fake News weit verbreitet: In einer Studie der Landesanstalt für Medien NRW gaben 59 Prozent der Befragten an, dass sie schon einmal den Verdacht hatten, im Internet auf Fake News gestoßen zu sein; in der Gruppe der 14- bis 24-Jährigen gaben das sogar 77 Prozent an. Je älter die Befragten waren, desto seltener erklärten sie, dass sie Inhalte von Meldungen überprüfen. Falschmeldungen werden vor allem durch die sozialen Medien schnell verbreitet und können Meinungsbilder verzerren, gerade vor Wahlen ist das gefährlich.

Im Wahljahr ist die Aufgabe besonders wichtig, aber auch danach soll es weitergehen

Auf der ganzen Welt wurden in den vergangenen Jahren Fact-Checking-Büros oder Teams in bestehenden Redaktionen aufgebaut, die immer mehr Bedeutung bekommen. Ihr Vorbild, "Politifact" aus den USA, wird seit 2007 von der Zeitung Tampa Bay Times aus Florida betrieben. Die Plattform veröffentlicht Original-Statements von Politikern und Lobbygruppen und stellt ihnen recherchierte Fakten gegenüber. Ein "Truth-o-meter" vergibt Wertungen von wahr bis "pants on fire" (angelehnt an den Kinderreim "liar, liar, pants on fire"). 2009 wurde die Plattform mit einem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Seit 2015 gibt es die First Draft Coalition, zu der unter anderem New York Times, Washington Post, Guardian und BBC sowie Amnesty International, Facebook und Twitter und aus Deutschland ARD und ZDF, Zeit Online und DPA gehören. Im selben Jahr schlossen sich 26 Redaktionen, Sender und Nachrichtenagenturen zum International Fact-Checking Network (IFCN) zusammen. Vergangene Woche wurde bekannt, dass ein Fact-Checking-Team des gemeinnützigen Recherchebüros Correctiv als erstes deutschsprachiges Team in das Netzwerk aufgenommen wurde. Seit Juni veröffentlicht dessen Echtjetzt-Team Recherchen auf einer Webseite, auf der User auch mutmaßliche Falschmeldungen zur Überprüfung einreichen können. Das Recherchebüro gab zu Jahresbeginn bekannt, dass es Facebook bei der Überprüfung vermeintlicher Fake News unterstützt, die meisten Verlage zeigten sich auf die Facebook-Anfrage hin zurückhaltend.

Die Idee zu Stimmtdas.org entstand, bevor Correctiv ins Fact-Checking einstieg. Damals hatten sich die Macher "gewundert, dass es in nahezu allen demokratischen Ländern Faktencheck-Seiten gibt, nur in Deutschland nicht", sagt Wuttke. Im Wahljahr tut sich nun aber auch in Deutschland etwas - und zwar fast überall. Faktenchecken ist im Wahljahr wichtig, aber auch ein öffentlichkeitswirksames Modethema. Die ARD hat in "Faktenfinder" seit April ein eigenes Anti-Fake-News-Portal, der BR seit Mai ein "Social Listening und Verifikation"-Team. Das ZDF hat zur Bundestagswahl das crossmediale Faktencheck-Projekt #ZDFcheck17 gestartet, das Meldungen in den sozialen Netzwerken und Politikeraussagen auswertet. Den ZDFcheck gab es auch 2013 vor der Bundestagswahl, dann wurde es still um das Projekt. Stimmtdas.

org will Wuttke zufolge über die Bundestagswahl hinaus langfristig arbeiten. Bisher prüfte Stimmtdas.org sieben Aussagen von Angela Merkel, Cem Özdemir, Katrin Göring-Eckardt, Frauke Petry, Gregor Gysi und zwei von Alice Weidel. Angela Merkel etwa lobte in einer Rede im Juni, dass sich in den vergangenen zwölf Jahren die Ausgaben für Forschung und Entwicklung verdoppelt hätten und der Etat der Forschungsministerin um 135 Prozent gestiegen sei. Stimmtdas.org zitiert Zahlen des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und urteilt: "Stimmt eher nicht und ist vereinfachend", weil Merkel eine Zahl um etwa zehn, die andere um fast 30 Prozentpunkte beschönigt hat. Auch die beliebte Aussage, mehr als 80 Prozent der Flüchtlinge seien junge, kräftig gebaute und alleinstehende Männer, ist unter den ersten Statements auf der Webseite. Hier ist die Wertung eindeutig: stimmt nicht.

Politiker haben die Möglichkeit, zu den Untersuchungen auch Stellung zu beziehen

Insgesamt vergeben die inzwischen 15 Journalisten und freien Autoren, Wissenschaftler, Designer und Techniker aus ganz Deutschland, die an Stimmtdas.org arbeiten, Wertungen von "stimmt" bis "Scharlatanerie!" für falsche und abwegige Behauptungen. Dazwischen stehen Nuancen wie "stimmt überwiegend", wenn Zahlen maximal zehn Prozent abweichen. Das Team vergleicht Statements mit wissenschaftlichen und historischen Quellen, durch Experteninterviews oder die Nachfrage bei Ämtern. Den Politikern geben sie die Möglichkeit, Stellung zu beziehen. Ihre Quellen schlüsseln sie genau auf, manche Artikel sind mit Grafiken veranschaulicht, außerdem weisen sie darauf hin, wenn Aussagen falsche Schlussfolgerungen implizieren. Die Genauigkeit und Transparenz beeindrucken durchaus.

Um Transparenz ist die Initiative auch bei ihrem Team bemüht. Wuttke ist laut Stimmtdas.org Mitglied bei der SPD Heidelberg. Er schreibe keine Artikel, das habe aber nichts mit der Parteizugehörigkeit zu tun. "Auch wenn mir ein möglicher Interessenskonflikt bewusst ist", sagt er.

Stimmtdas.org wird als Verein durch Spenden und Unterstützung parteiunabhängiger Stiftungen finanziert. Zwei bis drei Statements sollen in Zukunft pro Woche folgen. Demnächst sollen Nutzer über einen Button Statements zur Prüfung einreichen können, im Moment geht das über Mail, Facebook und Twitter. "Die Resonanz bisher ist überwältigend", sagt Wuttke. Stimmtdas.org will sich auf Politikeraussagen konzentrieren und nicht nur Falsches entlarven, sondern durch Verifizieren neues Vertrauen schaffen. Man suche nicht speziell nach Fakes, sagt Wuttke, sondern werde aktiv "immer wenn man sich fragt, ob das stimmen kann, was einer erzählt". Dinge könnten sich auch bewahrheiten: "Stiftung Warentest und der TÜV vergeben ja auch nicht nur schlechte Noten."