Fabian Hinrichs als Tatort-Assistent Der auf Tütensuppen starrt

Er kommt nicht als Volksclown daher, sondern leise, genau, eher unter- als über spielend: Schauspieler Fabian Hinrichs, hier als Gisbert Engelhardt im Münchner Tatort "Der tiefe Schlaf" neben seinem Ermittler-Kollegen Ivo Batic (Miroslav Nemec).

(Foto: Kerstin Stelter)

Zwischen all den lustigen Onkels in den trüben Seriengewässern von ARD und ZDF hinterlässt nun ausgerechnet ein Tatort-Gastspiel eine massive Erschütterung bei den Leuten. Der sonst eher leise Fabian Hinrichs brilliert bei seinem Auftritt in "Der tiefe Schlaf" als Gisbert Engelhardt mit tragischem Witz.

Von Alexander Gorkow

Zunächst erscheint nichts besonders an Fabian Hinrichs. Er wurde 1976 in Hamburg geboren, sein Vater ist Polizist, sein Bruder auch, er studierte Jura und wechselte dann auf die Bochumer Schauspielschule. Er hat ein sachliches Gesicht mit der Augenpartie einer Schnee-Eule, was ihm etwas Geheimniskrämerhaftes verleiht.

Interessant ist, dass es seit Nastassja Kinskis Gastspiel im Tatort "Reifezeugnis" (1977) keines mehr in der Krimireihe gab, das die Leute so aufwühlte wie das von Hinrichs im letzten Tatort von 2012. Der kam aus München, hieß "Der tiefe Schlaf", das überragende Buch stammte von Alexander Adolph, die Regie auch. Neun Millionen Zuschauer sahen, wie Hinrichs als Gisbert Engelhardt einen neuen Ermittler an der Seite von Udo Wachtveitl und Miroslav Nemec spielt: als einsamen Nerd, von tragischem Witz umflort. So steht er da, im Supermarkt, und starrt nach Dienstschluss ratlos in das Regal mit den Tütensuppen. Dem Mörder aber ist er eher auf der Spur als die Chefermittler, deshalb liegt der Neue am Ende auch tot neben einer Imbissbude.

Das war sprichwörtlich zum Weinen. In Online- und Leserbrief-Foren verarbeiten nun viele Zuschauer seit der Ausstrahlung des Tatorts einen kollektiven Schock. Auf Facebook etwa gibt es die Seite "Wir wollen Gisbert Engelhardt zurück".

Hinrichs zählt neben Typen wie Charly Hübner, Matthias Brandt oder Oscar-Preisträger Christoph Waltz zur Riege jener deutschsprachigen Darsteller, die nicht mit breiter Brust, tränenverschmiert oder als Volksclowns daherkommen. Sondern: leise, genau, eher unter- als überspielend. Es ist, als hätten sich diese Männer nicht im Actors Studio auf die Dreharbeiten vorbereitet, sondern am Mikroskop.

Hinrichs' erstes Engagement führte ihn im Jahr 2000 an die Berliner Volksbühne, seither spielte er in vielen Theater-, Film- und Fernsehproduktionen, wie Waltz und Brandt, oft stille Extremisten, von denen Explosionsgefahr ausgeht. Für das Solo in René Polleschs "Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang!" erhielt er 2010 die Auszeichnung als Schauspieler des Jahres der Zeitschrift Theater heute, 2012 dann den Alfred-Kerr-Preis für seinen Auftritt in Polleschs "Kill your Darlings".

Faible für abgründigen Humor

In den wenigen Interviews, die man von Hinrichs kennt, erlebt man einen - eben - leisen, wenig von sich preisgebenden Mann mit einem Faible für abgründigen Humor, und einen belesenen Schauspieler, der große Statements scheut. Dem Tagesspiegel sagte er mal: "Es gibt nicht nur die schwarzen Tasten am Klavier."

Zwischen all den lustigen Onkels in den trüben Seriengewässern von ARD und ZDF hinterlässt nun ausgerechnet Hinrichs mit seinem brillanten Gastspiel eine derart massive Erschütterung bei den Leuten: eine Meisterleistung, nicht nur von ihm; auch von zwei hauptamtlichen TV-Kommissaren, die ihm lässig den nötigen Raum dafür ließen.