Ex-"Handelsblatt Online"-Chefredakteur räumt Plagiate ein "Wie Guttenberg"

Eigentlich war alles abgemacht: Sven Scheffler sollte Online-Chef bei den Wirtschaftsmedien des Verlags Gruner + Jahr werden. Doch dann wurde sein Wechsel plötzlich abgeblasen. Warum? Der Journalist hat abgeschrieben, und zwar massiv. Das räumte der ehemalige Chefredakteur von "Handelsblatt Online" nun im Gespräch mit sueddeutsche.de ein.

Von Marc-Felix Serrao

"SchefflerPlag" lautet die Betreffzeile der E-Mail - in Anlehnung an die Internetseite "GuttenPlag", auf der die zahlreichen abgeschriebenen Passagen aus der inzwischen aberkannten Doktorarbeit des früheren CSU-Ministers Karl-Theodor zu Guttenberg dokumentiert wurden. Inhalt der Mail, die sueddeutsche.de vorliegt, ist eine lange Tabelle mit bunten Textpassagen.

Auf der einen Seite stehen Auszüge aus dem Artikel "Weichgespült auf dem Weg zur Volkspartei", den Sven Scheffler am 18. August 2010 bei Handelsblatt Online über die Grünen veröffentlicht hat (online an diesem Freitagabend nicht mehr abrufbar). Auf der anderen Seite stehen Auszüge aus einer Reihe von älteren Artikeln aus anderen Medien, darunter auch ein Text des SZ-Redakteurs Michael Bauchmüller: "Grüne Welle", vom 9. Juli 2010. Die Übereinstimmungen fallen sofort ins Auge. Der Tabelle zufolge hat Scheffler mitunter ganze Absätze kopiert.

"Ja, das stimmt alles"

Ein Beispiel: "Sie schwimmen auf der grünen Welle, schon wegen der Schwäche der schwarz-gelben Koalition - und sind doch in Gefahr. Wie nebenbei sind die Grünen von der linken zur bürgerlichen Partei geworden, sie vertreten Interessen des Mittelstandes genauso wie die der sozial Schwachen, sie stellen sich staatstragend hinter die Rettung des Euro und wollen gleichzeitig eine Revolution in der Energieversorgung." So stand es bei Bauchmüller in der SZ. So stand es kurze Zeit später auch bei Scheffler.

Vor etwa einer Woche war Schefflers Wechsel zu den Wirtschaftsmedien von Gruner + Jahr geplatzt - "aus persönlichen Gründen", wie es zunächst hieß. Er hatte dort die Verantwortung für alle digitalen Produkte des Verlags übernehmen sollen.

Im Gespräch mit sueddeutsche.de bestätigte der Journalist an diesem Freitagabend den Inhalt der E-Mail mit den Vorwürfen gegen ihn. "Ja, das stimmt alles", sagte Scheffler, als er mit einigen der fraglichen Passagen konfrontiert wurde. Warum er abgeschrieben habe, wisse er beim besten Willen nicht mehr: "Das war ein Riesenfehler. Ich habe keine Ahnung, wie das passieren konnte." Er wisse nur, dass er an dem Tag unter enormem Zeitdruck gestanden habe.

Ein Tipp für die leitenden Redakteure

Auf die Frage, ob er nur in diesem einen Fall abgekupfert habe, sagte Scheffler, dass es noch einen anderen Kommentar gebe, "bei dem ich nicht sehr sauber gearbeitet habe". Das Ganze sei aber "ein Ausrutscher, keine Methode".

Bei Gruner + Jahr wollte man sich zunächst nicht zu dem Sachverhalt äußern. Man habe mit Scheffler Stillschweigen vereinbart und halte sich daran, sagte Joachim Haack, Sprecher der Wirtschaftstitel des Hamburger Verlags. In den Redaktionen des Verlags rumort es indes. "Wie Guttenberg", kommentiert ein Mitarbeiter das Vorgehen Schefflers.

Demnach sollte sich der 40-Jährige am Montag dieser Woche persönlich bei einigen leitenden Redakteuren in Hamburg vorstellen. Diese hätten kurz vor dem Gespräch mit Scheffler dann einen Tipp bekommen, heißt es - und ihn umgehend mit den Vorwürfen konfrontiert. Scheffler habe nicht lange diskutiert, sondern gleich alles eingeräumt.

Inzwischen soll der Journalist auch einen Aufhebungsvertrag unterzeichnet haben - "ohne Wenn und Aber", heißt es bei Gruner + Jahr. Auf diese Schilderung angesprochen, sagte Scheffler am Telefon nur: "Das stimmt in etwa." Wer nun an seiner Stelle Online-Chef der Wirtschaftsmedien des Verlags werde, sei noch nicht entschieden, heißt es bei Gruner + Jahr.