Suspendierter Fifa-Chef Für die "Weltwoche" ist Blatter der "Schweizer des Jahres"

Das Weltwoche-Cover mit Sepp Blatter

(Foto: Weltwoche)

Eine Verteidigungsrede auf Blatter liefert "Weltwoche"-Chefredakteur Roger Köppel gleich mit. Die dürfte in ihrer Vehemenz selbst den gesperrten Fifa-Chef überraschen.

Von Charlotte Theile, Zürich

Die in Zürich erscheinende Weltwoche liebt es, zu provozieren. Wenn sich alle einig sind, vertritt das Blatt die Gegenposition. Schon aus Prinzip. So weit, so bekannt. An diesem Donnerstag ist es der selbsternannten Protestzeitung aber gelungen, so sehr gegen den Strom zu schwimmen, dass einige tatsächlich überrascht waren. "Kein Witz!" war auf mancher Homepage zu lesen, der Nicht-Witz war das darunter abgebildete Weltwoche-Cover mit dem "Schweizer des Jahres", Sepp Blatter. Andere feierten das Blatt als "neue Titanic" und "geniales Satiremagazin". Nur einer war nicht überrascht: der Mann auf dem Titelblatt.

"Eigentlich müsste man mir ein Diplom überreichen für das, was ich hier erreicht habe", verkündet Sepp Blatter, 79, suspendierter Präsident des Fußballverbands Fifa in der Titelgeschichte. Und genau das tut die Weltwoche. Blatter, für die meisten ein Sinnbild von Korruption, versickernden Geldern und zweifelhafter Nähe zu Diktatoren in aller Welt, wurde von Chefredakteur Roger Köppel offiziell zum "Schweizer des Jahres" gekürt. Es ist Dezember, zweitletzte Ausgabe, da passt so etwas gut.

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In einem langen Interview bekommt Blatter, der, da darf man Köppel glauben, "ein schreckliches Jahr hinter sich hat", Gelegenheit, seine Sicht der Dinge auszubreiten.

"Ich bin ein guter Mensch. Ich bin ehrlich und respektvoll"

"Was ist Ihre entscheidende Leistung?", fragt ihn Köppel, auch die Frage nach der "besten Eigenschaft" Blatters wird endlich beantwortet. ("Ich bin ein guter Mensch. Ich bin ehrlich und respektvoll.") Chefredakteur Köppel, seit Oktober Abgeordneter der rechtskonservativen Schweizerischen Volkspartei, nimmt während des Interviews auch Ratschläge von Blatter entgegen ("Sie sind ja jetzt im Nationalrat"). Und: Er verteidigt Blatter vehementer, als wohl selbst der Noch-Fifa-Chef das möglich gehalten hätte.

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Seit Monaten schreibt Köppel, Blatter sei noch ein echter Schweizer, unabhängig, neutral, weder europa- noch amerikahörig. Wenn es etwas gibt, was Köppel Blatter vorwirft, dann eigentlich nur, er sei in seiner Rücktrittsrede "zu defensiv" gewesen, das habe seinen Kritikern Aufwind gegeben.

Am Donnerstagmittag legte Russlands Präsident Wladimir Putin nach: Blatter sei ein ehrenwerter Mann - wenn es nach ihm ginge, sollte er den Friedensnobelpreis erhalten.

Blatters Freunde geben offenbar noch einmal alles. Denn just an diesem Donnerstag könnte sich Blatters Schicksal entscheiden. Vor der Fifa-Ethikkomission muss sich Blatter für eine Zwei-Millionen-Franken-Zahlung an Uefa-Chef Michel Platini rechtfertigen. Kann er die Ethikhüter nicht von seiner Unschuld überzeugen, dürfte er lebenslang gesperrt werden.