Eurovision Song Contest Xavier Naidoo beim ESC ist ein schlechter Scherz

Ausgerechnet Xavier Naidoo soll Deutschland beim Eurovision Song Contest vertreten. Was die ARD da selbstherrlich im Hinterzimmer entschieden hat, ist der blanke Hohn.

Von Carolin Gasteiger

An Tagen wie diesen wünscht man sich Jan Böhmermann herbei. Könnte der ZDF-Mann nicht einfach zugeben, dass er hinter der wahnwitzigen Idee steckt, Xavier Naidoo für Deutschland zum ESC zu schicken?

Man muss es noch mal schreiben, so unglaublich ist die Ankündigung, die die ARD am Donnerstag verkündet. Xavier Naidoo singt in Schweden für Deutschland. Man reibt sich verwundert die Augen: Ernsthaft, ARD?

Und die Unglaublichkeit manifestiert sich gleich doppelt.

Zum einen fragt man sich, warum der deutsche ESC-Vertreter auf einmal willkürlich von der ARD bestimmt wird. In den vergangenen Jahren wurden dazu ausführliche und abendprogrammfüllende Sendungen generiert, in denen sich von Vorentscheid zu Vorentscheid gehangelt wurde, bei denen niemand mehr durchblickte. Und nun? Ohne Ankündigung, ohne Vorwarnung, küren die Verantwortlichen um ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber einfach jemanden. Wollte da jemand den Kümmert-Effekt vermeiden? Dass der Kandidat, wie 2014, im letzten Moment Lampenfieber bekommt und absagt? Passen würde es zur ARD, sich von so etwas einschüchtern zu lassen. Allerdings an der falschen Stelle.

Berühmter Verschwörungstheoretiker

Andererseits: In vielen Fällen würde man sich genau den Mumm von der ARD wünschen, den sie in dieser Hauruck-Aktion gezeigt hat. Warum konnten die Macher im August dieses Jahres nicht einfach zugeben, dass die umstrittene "Hart aber fair"-Ausgabe zur Gender-Problematik Mist war - und sie in der Mediathek lassen? Stattdessen zwang ein Gleichstellungsverein den öffentlich-rechtlichen Dinosaurier in die Knie - und dazu, die Sendung aus der Mediathek zu nehmen, dann wieder reinzustellen und letztendlich zu wiederholen. Ein wahnwitziger öffentlich-rechtlicher Hickhack.

Und nun, beim Eurovision Song Contest, der seit Conchita Wurst mehr denn je für Toleranz und Menschenwürde steht, wirft die ARD sämtliche demokratische Prinzipien über Bord und bestimmt den Vertreter Deutschlands selbstherrlich im Hinterzimmer. Das ist der blanke Hohn. Erst recht, wenn man bedenkt, wen sie ausgesucht hat.

Ausgerechnet Xavier Naidoo! In der Ankündigung des Senders heißt es, der Sänger sei ein "Ausnahmekünstler, der seit knapp 20 Jahren seinen Platz im deutschen Musikleben" habe. Fakt ist: Naidoo ist einer der momentan umstrittensten Künstler im Lande. In verschwörungstheoretischem Geschwurbel prangert er immer wieder an, Deutschland sei nicht souverän. Er bedient sich dabei demokratiefeindlicher und rechtspopulistischer Muster, wie bei seinem Auftritt vor den sogenannten "Reichsbürgern" im vergangenen Jahr.

ARD rechtfertigt ESC-Teilnahme von Naidoo: "Er steht für Toleranz"

Der umstrittene Sänger habe Fehler gemacht "wie wir alle", sagt Unterhaltungskoordinator Schreiber. Das Publikum dürfe immerhin über den Song abstimmen. mehr ...

Im ARD-Morgenmagazin hatte er 2011 bereits erklärt: "Wir sind nicht frei. Wir sind immer noch ein besetztes Land." Da hilft sein pedantisch wiederholtes "Ich stehe für Liebe" kaum. Auch Homophobie wird ihm immer wieder vorgeworfen. Auf seinem Album "Gespaltene Persönlichkeit", das er mit Kool Savas aufgenommen hat, fragt er in einem Bonustrack: "Warum liebst du keine Möse, weil jeder Mensch doch aus einer ist?" Dafür wurde Naidoo wegen Volksverhetzung angezeigt.

Hat die ARD das alles ausgeblendet? Kaum vorstellbar, dass in den gut besetzten Sendergremien nicht ein heller Kopf saß, der zur Vorsicht mahnte. Und das ausgerechnet in diesen Tagen nach #ParisAttacks, in denen Menschlichkeit, Miteinander und Solidarität nötiger wirken denn je. Hat das bei der ARD niemand auf dem Schirm? Wenn Xavier Naidoo Deutschland beim ESC vertritt, wirkt das so, als würde man Matthias Matussek zum Bundespräsidenten küren. Auf Twitter schreibt einer: "Und Lutz Bachmann als Moderator und Frauke Petry als Background?" All das eineinhalb Jahre nach Conchita Wurst.

Für den Kümmert-Effekt stehen die Chancen bei Naidoo schlecht. Statt eines einfachen "Ich möchte nicht" verkündet der Sänger in diesem Video, wie sehr er sich auf den Auftritt im Februar freue - und dass er für Liebe, Freiheit, Toleranz und Miteinander stehe. Wer's glaubt. "Ich verspreche, so schön und so gut zu singen wie noch nie in meinem Leben." Vielleicht kann Böhmermann ja doch noch irgendwie helfen.