Eurovision Song Contest 2017 Früher war mehr Verstörung

Der ESC 2017 wird ein musikalisch gar nicht so schlimmer Abend. Nathan Trent aus Österreich zum Beispiel macht hübschen Gute-Laune-Pop à la Ed Sheeran. Sein Song heißt "Running on Air".

(Foto: REUTERS)

Der Eurovision Song Contest lebt von großen Irritationen und absurden Auftritten. Doch in diesem Jahr könnten die Zuschauer enttäuscht werden.

Von Kathleen Hildebrand

Für Satiriker ist der ESC ein gefundenes Mettigelfressen. Als der Eurovision Song Contest 2016 zum ersten Mal auch in den USA zu sehen war, erklärte der Late-Night-Moderator Stephen Colbert ihn am Montag darauf seinen Zuschauern. "Endlich können wir auch hier Auftritte wie diese sehen", sagte er und zeigte: Eine Sängerin, die mit einem schweigsamen Astronauten tanzt. Irr pathetische Flügelprojektionen, die aus dem russischen Sänger Sergej Lazarev herauszuwachsen schienen. Und Ivan, den Weißrussen, der auf der Bühne halbnackt mit einem - echten - Wolf heulte.

Dann tat Colbert, was jeder Satiriker mit gesundem Menschenverstand angesichts solcher Vorlagen tun würde. Er nannte sich "Nornaäs" (Umlaute sind wichtig, wenn man Europa veralbern will), zog sich einen silbernen Lamettapelzmantel an, stieg auf ein Laufband und sang Sinnfreies, in dem die Zeile "I love living the living life" vorkam.

Das funktioniert immer. Jedes Jahr finden sich ein paar langhaarige Frauen in Wallekleidern, über die man sich lustig machen kann - oder einen Tick zu muskulöse Männer, die martialische Drama-Songs schreien.

Kein einziger Kandidat irritiert

Und doch ist dieses Jahr, kein Teilnehmer dabei, der wirklich aus der 26-teiligen Reihe von Popsongs mit aufgeblasener Licht- und Lasershow herausfiele. Es gibt keinen Ausreißer. Keine Metal-Finnen in World-of-Warcraft-Kostümen. Keine tanzenden Großmütter. Keinen Guildo Horn und auch keinen heulenden Wolf. Es gibt auch keinen hübschen Verstörungsmoment durch eine Frau mit perfekt gestutztem Vollbart. Es gibt nur: gut kalkulierte ESC-Auftritte, die ein bisschen was, aber nie zu viel wagen. Niemand irritiert.

Und das ist schade. Denn weshalb sieht man sich diesen Wettbewerb an? Eben nicht, um Mainstreampop vor verschwenderisch aufwendiger Lichtshow zu sehen. Sondern weil man auf den einen Kandidaten wartet, dessen Auftritt mehr noch als alle anderen "Camp" schreit, also totale Affektiertheit. Auf einen Moment übergroßer Künstlichkeit, in dem der Kitsch des ESC-Abends so krass ist, dass er schon wieder selbstironisch wirkt.

Meist kommt er von Künstlern, die im Kontrast stehen zu den Stereotypen über das Land, das sie zum ESC geschickt hat. So wie es bei Conchita Wurst war, die aus Österreich kam, dem Land, dessen erfolgreichster Popmusiker der übertrieben maskuline Lederhosenrockerprotz Andreas Gabalier ist.

Denn es ist ja so: Aus keinem der teilnehmenden Länder fahren Musiker aus der obersten Erfolgsliga zum Grandprix. Die Idee der ARD, Xavier Naidoo zu schicken, war auch deshalb immer irgendwie falsch. Das Schöne am ESC ist doch, dass man Musiker aus der zweiten oder dritten Reihe, oft sogar Casting-Show-Newcomer zu sehen bekommt, die einem ohne diesen Wettbewerb für immer verborgen geblieben wären. Der ESC ist auch deshalb eine Art Kuriositätenkabinett des europäischen Pop.

Der Mann mit dem Peitschenzopf schied im Halbfinale aus

Was aber absurde Songs und Auftritte angeht, hat gerade Deutschland seit Stefan Raabs "Wadde hadde dudde da?" der Mut verlassen. Dabei waren es sein dadaistischer Song und zwei Jahre zuvor "Guildo hat euch lieb", die - neben Lena - bis heute die stärksten Ausschläge nach oben in der Zuschauergunst brachten.

In diesem Jahr jedoch hatte gar kein Land Lust auf Merkwürdigkeiten. Der einzige Kandidat, der das Potenzial gehabt hätte, diese schöne Tradition fortzuführen, war Slavko Kalezic aus Montenegro mit seinem peitschenartig geschwungenen, superlangen Zopf, der Glitzerhose und dem transparenten Leibchen. Und was geschah? Er schied im Halbfinale aus.

So ist der exotischste Kandidat in diesem Jahr vielleicht einer, der auf vielen anderen Bühnen gar nicht als besonders kurios auffiele: Salvador Sobral, der fantastische junge Jazzsänger aus Portugal, der sich in seinem viel zu großen Altherrensakko selbstvergessen zum Liebeslied "Amor Pelos Dois" bewegt. Er hat durchaus eine charmante Merkwürdigkeit, aber die lebt eben vor allem vom Kontrast zu diesem ganzen technisch hochgerüsteten ESC-Irrsinn um ihn herum.

Sobral ist ein gutes Beispiel für das ESC-Aufgebot in diesem Jahr: Musikalisch ist es nämlich überraschend modern. Als Playlist ergäbe der Song Contest 2017 einen ziemlich okayen Radiomix. Nur die eine große Verstörung, der Auftritt, der in die Grandprix-Annalen der Absurdität eingehen wird, der bleibt 2017 aus. Leider.

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