Eurovision Song Contest Lena Meyer-Landrut: Ein bisschen Wahnsinn

"Oh my God, this is so crazy": Plötzlich ist Lena Meyer-Landrut Gewinnerin des Eurovision Song Contest. Mit 246 Punkten ist die Hannoveranerin Erste geworden - und das ganz alleine auf der Bühne. Was das Phänomen Lena ausmacht.

Von Hans Hoff

"Ich weiß nicht, wo ich hin soll. Ich quatsche einfach noch ein bisschen weiter." Die letzten Worte einer großen Siegerin, die geschafft hat, was alle hofften, aber kaum einer ernsthaft zu glauben wagte. Und plötzlich hat es doch geklappt. Plötzlich ist Lena Meyer-Landrut Gewinnerin des Eurovision Song Contest (ESC).

Sie steht da am Bühnenrand der riesengroßen Telenor-Arena in Oslo und wirkt ein bisschen orientierungslos. Wieder einmal ist ihr alles zu viel. "Do I have to sing now?", hat sie eben noch den Moderator des ESC-Finales gefragt, und dessen Antwort lautet natürlich ja. Eine Siegerin muss immer noch mal ran. Also packt sie das Mikrofon und singt noch einmal "Satellite", ihren Siegertitel, und mitten im Vortrag bricht es dann wieder aus ihr heraus. "Oh my God, this is so crazy." Das erinnert stark an den 12. März, als sie das Finale von "Unser Star für Oslo" gewonnen hatte und sich mitten im Triumphgesang ein deftiges "Verdammte Scheiße" aus ihr herauswand.

Wir sind Lena

Genau das macht eine wie Lena aus, diese Mischung aus Lieblichkeit, Professionalität und ein bisschen Wahnsinn. Sie beherrscht den Dreisprung zwischen diesen Disziplinen wie keine andere und brilliert dabei durch eine ungeheure Präsenz. Wenn normale Sänger auf den Brettern stehen, nehmen sie oft genau den Raum ein, den sie für sich und ihren Schatten brauchen. Nicht so bei Lena, die als 19-Jährige einfach mal die ganze Bühne füllt - allein.

Nun hat sie gewonnen. Mit 246 Punkten ist die Hannoveranerin Erste geworden, weit vor den zweitplatzierten Türken, die nur auf 170 Punkte kamen und damit Rumänien (162 Punkte) hinter sich auf dem dritten Rang ließen. Schon lange vor dem Ende der Abstimmung stand indes fest, dass Lena siegen würde. Der Sonntag hatte gerade begonnen, da verkündeten erste, kluge Rechner: "Wir sind durch." Wir sind Lena. Deutschland ist Sieger beim Eurovision Song Contest und fügt damit dem bisher einzigen Sieg, den Nicole mit "Ein bisschen Frieden" 1982 geholt hatte, einen zweiten hinzu. Nur fünf von 39 abstimmungsberechtigten Ländern hatten Lena Punkte verweigert, alle anderen hatten etwas für Deutschland übrig, und erfreulich oft war die Formel "And the twelve points go to Germany" zu hören.

Doch nicht nur Lena hatte am frühen Sonntagmorgen Grund zur Freude, auch ihr Mentor Stefan Raab war völlig aus dem Häuschen. Bei der Pressekonferenz nach der Show spritzte er in Formel-1-Manier mit Champagner herum und konnte das Grinsen einfach nicht mehr aus dem Gesicht bekommen. Für ihn hat alles geklappt, die Talentsuche, die Kooperation mit der ARD und die perfekte Inszenierung seines neuen Stars. Dass es nicht seine Komposition ist, mit der Lena in Oslo die Ziellinie erreichte, mag ihn da kaum schmerzen, wird er doch reichlich entschädigt durch die auch von böswilligen Kritikern kaum noch zu leugnende Erkenntnis, dass ein Erfolg wie dieser ohne ihn niemals zustande gekommen wäre.

Charismafreie Zonen auf zwei Beinen

Durch den großen Jubel gerät indes ein bisschen in Vergessenheit, dass die Angelegenheit, die nun wie von Raab angestrebt zu einer Angelegenheit nationalen Interesses geworden ist, in Wahrheit eine ziemlich gruselige Veranstaltung ist. Wer am Samstag zwei Stunden lang die ESC-Beiträge der ins Finale gelangten Länder anhören musste, staunte schnell über die Erkenntnis, wie viele schlechte Lieder sich in 120 Minuten unterbringen lassen. Es gab billigsten Plastikpop, aufgedunsene Bombastballaden und derart belanglose Tonfolgen, dass sie wohl selbst einem Dreijährigen zu dämlich sein dürften. Da traten erstaunliche Pummelfeen in einer Art Weightwatchers-Ballett auf, wehte der Wind durch als Kleid getarnte Zelte, schlug dauern irgendwer Rad, und zwischendrin gab es sogar einen jungen Mann aus Serbien, der ein bisschen so aussah wie ein verlorener Sohn von Claudia Roth.

Es soll die Leistung einer Lena nicht schmälern, aber bei ihren Mitstreitern handelte es sich in der Mehrzahl um charismafreie Zonen auf zwei Beinen, die verzweifelt versuchten, möglichst crazy zu wirken. Aus dieser Ansammlung von Verhaltensauffälligen musste eine wie Lena einfach herausstechen. Auch wenn ihr Auftritt ein bisschen sehr mager ausgeleuchtet war und sie nach den vielen Auftritten in der vergangenen Woche schon fast eine Spur zu professionell wirkte und der Lippenstift eine Spur zu dick aufgetragen war. Wie gut sie wirklich sein kann, bewies sie, als sie als Siegerin ihr Lied noch einmal sang. Da fiel die Routine von ihr ab, und auf einmal war sie wieder der süße Crazy-Fratz, der schon bei "Unser Star für Oslo" die Herzen im Sturm erobert hatte.