Europawahl im Fernsehen Aufbrezeln und verstecken

Theo Koll im ZDF-Wahlstudio: Der Moderator erklärt die ersten Hochrechnungen zur Europawahl.

(Foto: dpa)

ARD und ZDF treiben bei der Berichterstattung über die Europawahl einigen Aufwand, doch in der Primetime wollen sie das Thema nicht setzen. Europa ist zu kompliziert für eine gute Fernseh-Dramaturgie. Zur Unterhaltung trägt dann dennoch ein überzeugter Europäer bei. Der Wahlabend im TV.

Von Paul Katzenberger

Kann es sein, dass sich das Zusammenwachsen Europas an diesem Wochenende am Samstag womöglich besser gezeigt hat als am Sonntag?

Zumindest, was das Fernsehen angeht, ist die provokante Frage durchaus berechtigt. Denn an beiden Tagen gab es ein europäisches Großereignis, über das im deutschen Fernsehen jeweils aber mit unterschiedlicher Gewichtung berichtet wurde: Am Samstag trafen in Lissabon Real und Atlético Madrid aufeinander, um im Endspiel der Champions League die aktuell beste Fußball-Vereinsmannschaft Europas zu ermitteln. Und obwohl das Spiel ohne deutsche Beteiligung auszurichten war, waren knapp siebeneinhalb Millionen Fans in Deutschland über das ZDF live mit dabei, als das madrilenische Stadtderby zur Primetime um 20:45 Uhr angepfiffen wurde.

Was der Fußball-Hype an gegenseitiger Wahrnehmung über europäische Ländergrenzen hinweg schafft, gelingt einer Europawahl aber noch lange nicht, entsprechend fiel die Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Anstalten über diesen Urnengang aus. ARD und ZDF waren zwar auch hier oft live mit dabei, doch über weite Strecken nicht in der Hauptsendezeit, die war vielmehr für quotenträchtigere Sendungen wie den "Tatort" (ARD) oder das TV-Liebesdrama "Ein Sommer in Amsterdam" (ZDF) reserviert.

Transparenz statt Kungelei

Dabei war zuletzt kaum ein Ereignis besser geeignet, dem vielbeschworenen Bildungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens gerecht zu werden. Denn mit dieser Wahl waren viele Hoffnungen überzeugter Europäer verbunden, typische Kritikpunkte an der EU und ihren Institutionen auszuräumen: Erstmals soll das neu gewählte EU-Parlament den kommenden Präsidenten der EU-Kommission vorschlagen dürfen. Das Volk darf also erstmals sagen, von wem es in Brüssel vertreten wird, und nicht irgendeine Kungelrunde hinter verschlossenen Türen in Brüssel. Wenn das kein Signal gegen die oft kritisierte Intransparenz der EU-Bürokratie ist, das vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen unterstützt und erklärt werden sollte, welches dann?

Mit Martin Schulz und Jean-Claude Juncker hatte dieser Europa-Wahlkampf erstmals zwei Menschen aus Fleisch und Blut, die sich um das höchste EU-Amt bewarben, also jene Personalisierung von der das Fernsehen gewöhnlich profitiert.

Doch noch immer ist Europa viel zu kompliziert, um über TV-Bilder einfach transportiert werden zu können. Das geht schon los mit der Frage, ob denn nun wirklich nur Schulz oder Juncker ins Berlaymont-Gebäude einziehen werden, oder vielleicht doch noch ein ominöser dritter Kandidat, der zwar nicht zur Wahl stand, der womöglich aber doch wieder von irgendwelchen Regierungschefs bestimmt wird. So genau weiß das im Augenblick niemand, weil der Vertrag von Lissabon an dem Punkt offenbar zu schwammig ist, was es der Dramaturgie im Fernsehen nicht unbedingt leichter macht. Abgesehen davon, dass die Parteienfamilien im EU-Parlament eine komplexe Angelegenheit sind, sodass die echten Mehrheitsverhältnisse nicht auf den ersten Blick zu erkennen sind.