Essay Ware Leben

Reality-TV galt einmal als menschenverachtend. Lange her. Wo ist die Empörung geblieben? Vielleicht ist es so: Nicht die Sitten im Sinne der moralischen Maßstäbe sind verfallen, sondern die Sitten im Sinne des Üblichen.

Von Rainer Erlinger

Man mag es kaum glauben, aber es tut sich was auf dem deutschen Markt des Reality-TV. So mancher wird zwar beim Zappen vor allem tagsüber die einzelnen Sendungen und sogar Sender kaum unterscheiden können - wo nicht gekocht wird, sind Uniformierte im Einsatz - doch gibt es ein fast schon einschneidendes Ereignis zu vermelden: Sat 1 hat dieser Tage auch die Wiederholungen von Richter Alexander Hold eingestellt, weshalb der Sender, nachdem er schon vorher auf die Dienste von Richterin Barbara Salesch verzichtet hat, zum ersten Mal seit 1999 keine Gerichtsshows mehr im Programm hat. Dafür kündigte RTL kürzlich einen bekannten Politiker außer Dienst nun im Einsatz an der Sozialfront an: Heinz Buschkowsky, der ehemalige Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln will noch im Laufe des Jahres Hartz-IV-Empfängern unter die Arme greifen.

Reality-TV? Da gab es doch vor Jahren große Diskussionen, ob das gegen die Menschenwürde verstößt. Ob Menschen dabei ausgestellt werden wie mediale Zootiere, zum Mittel gemacht für die Unterhaltung der Zuschauer und die Gewinne der Sender. Aber davon hört man so gut wie nichts mehr. Ist das einfach nur geklärt und damit erledigt? Sind die Sitten so verlottert, dass man sich nun nicht mehr daran stößt? Oder steckt ein anderes Phänomen dahinter?

Das Dschungelcamp ist moralisch unbedenklich: Alle Kandidaten sind Medien-Profis

Vielleicht ist symptomatisch, was auf die Gerichtsshows folgte. Die Sendungen haben sich vom Gerichtssaal nach draußen verlagert, mit Uniform statt Robe. Und statt den Richtern als Personen stehen die Funktionen "Auf Streife" oder "Blaulicht" im Vordergrund, mit einer Vielzahl von Akteuren. Man ist jetzt dabei bei den Szenen, wie sie früher in den Gerichtsshows verhandelt wurden. Zeitlich bedeutet das einen Schritt zurück, in der Direktheit allerdings einen Schritt weiter, denn die Szenen werden gezeigt statt nur vor Gericht rekonstruiert, und die ordnende Funktion der Richter mittels Wort wird ersetzt durch das direkte Eingreifen der Ordnungskräfte - und eine deutlich derbere Sprache der Delinquenten. Eine Steigerung der Intensität somit, und die könnte ein Zeichen dafür sein, dass Gewöhnung, Abstumpfung eine Rolle spielt, man immer mehr drauf packen muss, um die Realityformate attraktiv zu halten.

Allerdings kann man bei beiden Formaten, ob im Gerichtssaal oder auf der Straße, kaum mehr von Realität sprechen, die Gezeigten sind zwar offensichtlich keine Schauspielprofis, sondern Laien, wenn auch meist solche, die den dargestellten Beruf tatsächlich ausüben. Die Sendungen sind aber ebenso offensichtlich gescriptet. Hier wird niemand mehr vorgeführt, höchstens als schlechter Schauspieler. Und vielleicht der Zuseher, weil er glauben soll, dass das alles - man mag es kaum schreiben - echte Realität ist.

Es ist natürlich nichts weniger als das. Und dennoch gilt bei Reality-TV immer noch das Prinzip, dass Menschen ungefiltert in Situationen ihres Lebens gezeigt werden sollen. Man könnte das mit dem Wort "bloßgestellt" bezeichnen, im Sinne von: Die Situation wird nackt, ungeschminkt gezeigt. Und dabei gleichzeitig die bekannte Problematik der Sendungen, die nicht mit Darstellern arbeiten, beschreiben. Wie etwa bei den RTL-Formaten Bauer sucht Frau oder Schwiegertochter gesucht, deren Methoden durch #verafake von Jan Böhmermanns Neo Magazin Royale mal so richtig klar wurden. Es werden nicht nur die Situationen, auch die Protagonisten nackt gezeigt, zwar nicht körperlich nackt - zumindest nicht vollständig -, aber gewissermaßen psychisch, sie müssen Teile ihres Lebens offenlegen, ihre Gefühle, ihre Sehnsüchte, ihre Schwächen oder wunden Punkte. Notfalls wird textlich etwas nachgeholfen. Und wie sie reagieren, wenn die Sehnsüchte enttäuscht werden oder die wunden Punkte berührt. Denn oft werden die Situationen zugespitzt. Sei es bei Germany's Next Topmodel (bei dessen Logo zwischen Top und model die lange schmale Silhouette einer Frau, vermutlich von Heidi Klum, wie ein Buchstabe eingefügt ist, sodass man sich fragt, ob man eigentlich der einzige ist, der das als "Topfmodel" liest), aber auch bei Rachs Restaurantbesuchen, wo immer wieder Tränen fließen und Familienkonflikte aufbrechen. Oder im Dschungelcamp.

Wobei Dschungelcamp ein gutes Stichwort ist, wenn es um die Beschreibung des angeblichen Realitätsfernsehens im Jahr 2017 geht. Auf der einen Seite treibt es mit den Zumutungen, Bloßstellungen die Sache auf die Spitze, führt die Rubrik Ekelfernsehen an, auf der anderen Seite aber ist es die moralisch unbedenklichste Sendung auf diesem Gebiet: Alle Beteiligten sind Medien-Profis; sie wissen, worauf sie sich einlassen und können sich das, vermutlich beraten durch jeweilige Manager oder Agenten, sehr genau überlegen. Und lassen es sich gut bezahlen.

Auch bei den anderen nicht gescripteten Formaten, in denen Menschen ihr Leben offenlegen, gibt es einen Deal zwischen Sender und Teilnehmer; es fragt sich nur, ob es ein faustischer Pakt ist, bei dem die Teilnehmer ihre Seele verkaufen gegen - ja gegen was? Es kann die Chance auf Veränderung sein, auf den Ausbruch aus dem sonst unentrinnbar erscheinenden Leben. Oder aber nur die berühmten 15 Minuten Ruhm, die laut Andy Warhol und Marshall McLuhan jeder haben wird, und die in einer medialen Gesellschaft wertvoller und erstrebenswerter erscheinen als je zuvor.

Eine gewisse Sonderstellung nehmen dabei die Hilfe- oder Selbstverbesserungsformate ein, sei es das Aufpäppeln eines darbenden Restaurants, Hilfe bei der Erziehung, beim Abnehmen oder bei der Schuldenbewältigung. Von diesem Jahr an mischt auch Heinz Buschkowsky mit, der mit rund 25 000 Euro im Geldkoffer bei Hartz-IV-Beziehern auftauchen und ihnen damit wieder auf die Beine helfen will. "Wir werden mit meinem Gesicht keinen TV-Zoo veranstalten. Die Menschen sollen nicht vorgeführt oder verheizt werden."

Die Lust an der Selbstentblößung ist offenbar sogar an der Spitze der Gesellschaft angekommen

"Wenn es am Ende auch nur eine Familie schafft, dann bin ich sehr zufrieden", rechtfertigt der ehemalige Bezirksbürgermeister seinen Einsatz und legt damit zugleich die Problematik offen. Neben dem Geld sollen Experten Hilfestellung leisten, aber schon wenn man die durchaus beachtliche Summe für die Teilnehmer in Relation zu den Produktionskosten einer Sendung setzt, relativiert sie sich und deutet an, welche Rolle und welches Gewicht denjenigen, denen geholfen werden soll, bei der "Hilfsaktion" tatsächlich zukommt. Man mag Buschkowsky glauben, dass die Teilnehmer bei ihm nicht verheizt werden sollen, aber "vorgeführt" werden sie sicher, nämlich dem Publikum. Sie tauschen ihre Privatsphäre und ein Offenlegen ihres Inneren ein gegen Hilfe, Geld und einen Auftritt in den Medien. Während der Sender und die Professionellen als die Guten dastehen, weil sie einem oder einer geholfen haben. Das tun sie, das muss man den Formaten zugutehalten, auch wenn es immer nur Einzelne sind, während ein Millionenpublikum zusieht. Wie nachhaltig die jeweilige Hilfe wirkt, steht auf einem anderen Blatt.

Auch hier kommt wieder die Frage ins Spiel, was dazu geführt haben könnte, dass die anfängliche Aufregung und ethische Diskussion fast vollständig verschwunden sind. Vielleicht ist es die Abstumpfung, oder haben auch die moralischen Maßstäbe nachgegeben und sich hier dem Druck der Realität gebeugt? Das sollte theoretisch nicht sein, aber das Wort "Moral" kommt vom lateinischen "mos, mores" für Sitten und Gebräuche und kann diese Herkunft in der Praxis nicht vollständig leugnen.

Es kann aber auch an etwas anderem liegen, etwas, das man an der Tatsache erkennt, dass sich kürzlich auch Frank Otto, rebellischer Spross der milliardenschweren Versandhausdynastie und Medienunternehmer, mit seiner Freundin in einem Auswanderer-Dokuformat präsentierte: Die Bereitschaft zum Entblößen, ja sogar Lust daran, ist nicht nur in der Mitte der Gesellschaft, sondern offenbar sogar an deren Spitze angekommen. Das wäre zwar auch ein Verfall der Sitten, aber in einer anderen Weise: Nicht die Sitten im Sinne der moralischen Maßstäbe sind verfallen, sondern die Sitten im Sinne des Üblichen. In Zeiten, in denen jeder sein Privatleben freiwillig in den sozialen Medien ausbreitet und die Freunde alle Peinlichkeiten filmen und hochladen, wo es dann teilweise millionenfach angeklickt wird, kann ein Realityformat kaum mehr etwas draufsetzen und damit etwas machen, was ethisch fragwürdiger ist als das tägliche Leben. Es hat nun auch jeder Mensch mehr Wissen über die Wirkung der Medien erlangt als früher. Ein Übriges tun die vielen Tausenden von kompromittierenden Situationen, welche die meisten Menschen inzwischen über die Jahre hinweg in irgendwelchen Medien gesehen haben.

Daneben kann man dem Reality-TV eines nicht absprechen: Es zeigt Menschen und Leben, die man sonst nicht in den Medien sehen würde. In gewissem Sinne tatsächlich "echtes Leben", weil es das Leben der Menschen außerhalb dessen ist, was das Trump'sche Amerika als Establishment bezeichnet.

Wenn aber die Menschen, die im Reality-TV gezeigt und "bloßgestellt" werden, weil das emotionale und soziale Nacktsein sowohl wegen der Gewöhnung der Zuschauer als auch wegen der inzwischen eingetretenen Üblichkeit der Offenlegung des Privaten in den sozialen Medien und auf Youtube nicht mehr herabwürdigend ist, wenn diese Menschen auch ausreichend Wissen um die Öffentlichkeitswirkung haben, dann hätte Reality-TV tatsächlich zumindest einen Teil seiner ethischen Problematik verloren. Oder man hat sich doch nur daran gewöhnt.

Rainer Erlinger, 51, ist Mediziner und Jurist und beantwortet seit 2002 jede Woche im SZ-Magazin eine Gewissensfrage.