ESC-Moderator Peter Urban Feiner Senf zum musikalischen Fastfood

Seit 1997 kommentiert Peter Urban den Eurovision Song Contest, der Mann weiß, wie man mit wenigen wohlgesetzten Worten ein Brimborium auf Normalmaß zurechtstutzt. Erst durch Urbans Ironie wird die Show zum Ereignis, ohne ihn wäre sie ein Nichts.

Von Hans Hoff

Ohne ihn ist der Eurovision Song Contest (ESC) nicht nur quasi ungültig, er wäre auch gar nicht zu ertragen. Erst wenn am Samstagabend Peter Urbans sonore Stimme zwischen den einzelnen Titeln dieser Leistungsschau im Trällern erklingt, weiß der Zuschauer, dass er einen geheimen Freund am jeweiligen Austragungsort hat. Einen, der weiß, wie man mit wenigen wohlgesetzten Worten ein Brimborium auf Normalmaß zurechtstutzt.

Seit 1997 kommentiert Urban nun schon die Auftritte der Popsternchen, und stets zeichnet ihn aus, dass er niemandem brutal in die Parade fährt, dass er aber schon weiß, wie man mit sehr leisen Tönen einen Hauch von Ironie über den ganzen Glitter und Glimmer legt. Selbst wenn Urban sachlich verhalten kommentiert, können Kenner daraus Kritik ableiten.

Ein bisschen was hat das vom Kabarett in Diktaturen, wo oft auch ein paar Andeutungen reichen müssen, um bei den Wissenden ein Kopfnicken zu erzeugen. Und eine Diktatur ist der ESC allemal. König Schlager regiert und duldet keinen Widerspruch - zumindest nicht für die Zeit seiner Regentschaft, also jene 14 Tage, in denen der ESC-Tross in eine Stadt einfällt und so lange probt, bis am Finalsamstag die weltweit größte Fernsehshow abseits des Sports an mehr als 100 Millionen Zuschauer gesandt wird.

Wenn es nun an diesem Samstag zur Sache geht, wird Urban, 65, gemeinsam mit seinem Assistenten Lukas Heinser in einem Kabuff an einer Wand der Malmö-Arena hocken und von dort seinen feinen Senf zum musikalischen Fastfood geben, das unten auf der Bühne in Überdosis verabreicht wird. Am Montag wird er dann wieder zurückfallen in seinen Job als Redakteur bei NDR-Info sowie Moderator bei NDR 2. Und in seiner Freizeit wird er als Keyboarder ab und an auch wieder mit seiner Rockband Bad News Reunion auftreten und zeigen, auf welche Musik er in Wahrheit steht. 1977 promovierte er übrigens mit der Dissertation "Rollende Worte - Die Poesie des Rock".

"Sind Sie das nicht?"

Das mit dem ESC ist für den in Bramsche geborenen Hamburger zwar nur eine Nebenbeschäftigung, allerdings eine mit Folgen. "Man macht den Mund auf, und die Leute sagen: Sind Sie das nicht?", so skizzierte er kürzlich in einem Interview eine typische Situation. Urban ist die Stimme der Show, der prominente ESC-Fan Anke Engelke nennt ihn einen Reisebegleiter: "Er kommentiert, erklärt und unterhält zugleich."

Er will das noch eine ganze Weile weitermachen, auch wenn viele der Kollegen, die er in den vergangenen 17 Jahren kennenlernen durfte, inzwischen durch jüngere Kräfte ersetzt wurden. Er dürfte aber ohnehin nicht aufhören, denn auch beim für den ESC zuständigen NDR weiß man sehr wohl, dass ohne ihn möglicherweise viel mehr ins allgemeine Bewusstsein drängte, wie inhaltsleer die Bombastshow wirklich ist. Durch Urbans Ironie ist sie ein Ereignis. Ohne ihn wäre sie ein Nichts.