Entzug des Henri-Nannen-Preises Die Jury muss dran glauben

Die Jury des Henri-Nannen-Preises muss zurücktreten, weil sie zunächst eine falsche Entscheidung getroffen und dann den von ihr verliehenen Preis in eine Bestrafung des von ihr Ausgezeichneten verwandelt hat. Ein guter Einstieg? Mag sein. Lesen Sie selbst.

Von Hans Leyendecker

Der Einstieg in eine Geschichte oder einen Kommentar müsse wie ein Lasso sein, mit dem der Leser eingefangen wird. Dieser müsse gleich überzeugt werden, dass sich das Weiterlesen lohne, hat vor Jahren ein Spiegel-Chefredakteur seinen Leuten geraten.

Also, ein Versuch: Die Jury des Henri-Nannen-Preises muss zurücktreten, weil sie zunächst eine falsche Entscheidung getroffen und dann den von ihr verliehenen Preis in eine Bestrafung des von ihr Ausgezeichneten verwandelt hat. Die Forderung nach dem Rücktritt fällt noch leichter, weil die Jury es nicht mal für nötig hielt, den Betroffenen anzuhören, und weil die berufliche Exekution durch eine Art Schnellgericht vollzogen wurde.

Ein schön zu lesender Anfang, der unvollständig war, und enttäuschte Juroren sind dem Spiegel-Redakteur René Pfister zum Verhängnis geworden. Er hatte in einem Porträt über Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer eine eindrucksvolle Szene in dessen Keller geschildert, die Pfister selbst nicht erlebt hatte. Er hatte nur aufgeschrieben, was ihm Seehofer und andere über den Keller berichtet hatten.

Das Geschriebene war nicht falsch. Falsch war es, dass Pfister den Umstand, dass er nur Zeuge vom Hörensagen war, in der Geschichte nicht erwähnt hatte. Der Hinweis, dass es sich um eine szenische Rekonstruktion handelt, hätte den Anfang nicht verwüstet, sondern lediglich klar gemacht, dass der Autor nicht dabei war. Eine Illusion weniger, nicht mehr.

Die Kellerszene kommt von Paul Sahner

So schwer kann es auch nicht sein, bei Seehofers nach unten zu kommen. Ein Reporter der Bunten, der alte Paul Sahner, hatte 2006 in einem Stück über Seehofer ("Die Lokomotive der CSU") die Keller-Szene so ähnlich beschrieben wie jetzt Pfister. Übrigens auch als Einstieg. Die Lokführerin des Triebwagens nannte der CSU-Politiker damals "Merkel". Bei Pfister dreht sie jetzt als kleine Plastikfigur auf einer Diesellok ihre Runden.

Ein viel größerer Fehler allerdings war es, ein politisches Porträt mit einer Reportage zu verwechseln. Diesen Fehler hat die Jury begangen - jedenfalls die Mitglieder des Gremiums, die den Pfister-Beitrag für die beste Reportage des Jahres 2010 gehalten haben. Entweder gab es aus Sicht der Jury im Vorjahr zu wenig auszeichnungswürdige Reportagen. Oder einigen Juroren ist nicht ganz klar, was eine Reportage auszeichnet. Keller allein reicht als Stilmittel nicht. Das beliebte Sitzen am Küchentisch reicht auch nicht. Die aufklärerischen Reportagen angelsächsischer Schreiber enthalten übrigens nicht die deutschen Stilmittel wie das beliebte Rühren in einer Kaffeetasse, sondern den Hinweis auf die Quelle, die eine Figur erst zur Figur macht .

Die Aufregung nach der Preisverleihung hat viele Gründe. Für Unmut sorgt, dass der Nannen-Preis mit Smoking und rotem Teppich immer mehr an eine Bambi-Veranstaltung erinnert. Auch geistert der Verdacht umher, dass sich eine Seilschaft im Norden die Preise zuschustere. Bei all dem gerät in Vergessenheit, dass der Reporter-Preis nach Egon Erwin Kisch benannt wurde, der die Grenze zwischen Realität und Erfindung gern überschritt, wenn es denn der Geschichte diente. Seine Kollegen beschwerten sich , dass seine Erfindungen besser gewesen seien als die Wirklichkeit. Immerhin, das kann Pfister niemand vorwerfen.

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Der Autor bekam 2007 mit Kollegen einen Nannen-Preis für die beste investigative Recherche.