Die Enthüllungspraktiken von Wikileaks entzweien die alten und neuen Medien. Das wird auch den Journalismus verändern - ob er will oder nicht.
Ein tüchtiger Hacker, der vor dem Irak-Krieg 2003 die Welt mit den Depeschen amerikanischer Botschaften versorgt hätte, wäre auf die angeblich kurz bevorstehende Apokalypse gestoßen: Die US-Mission in Rom hätte gemeldet, die irakische Regierung habe bereits 1999 in Afrika heimlich große Mengen Yellow Cake, also pulverisiertes Uran, für den Bau einer Atombombe geordert. Auch sei der italienische Militärgeheimdienst Simsi besorgt. Die US-Botschaft in London hätte die Geschichte von Saddams Bombe noch kräftig angedickt. Todsicher.
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Australischer Wikileaks-Anhänger: Mitunter stehen sich Internet-Fans und klassische Journalisten fast unversöhnlich gegenüber. (© AP)
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Vielleicht hätte die US-Auslandsvertretung in Brüssel unter Verweis auf eine absolut verlässliche Quelle dem Außenministerium in Washington mitgeteilt, die irakischen Raketen seien schon bald abschussbereit. An C-Waffen und sogar Biowaffen mangele es dem Diktator Saddam Hussein auch nicht. Alles zusammengenommen macht zwei Jahre bis Doomsday, höchstens.
Die Alarm-Depeschen der Diplomaten wären zwar, ebenso wie die jetzt veröffentlichten US-Botschaftsberichte, echt gewesen. Aber hätte die Hackerei auch nur einen Zipfel der Wahrheit ans Licht gebracht? Oder wäre die Welt durch neue Lügengeschichten noch weiter in die Irre geführt worden?
Da die Antworten für den Zeitraum 2002/2003 bekannt sind, drängen sich, trotz des Regierungswechsels in Washington, einige Fragen für 2010 auf: Was sollen Botschaftsberichte wem beweisen?
In welchem Zusammenhang wurde etwas gesagt, handelt es sich bei dem Informanten und bei dem Verfasser der jeweiligen Depesche um Wichtigtuer oder um korrekte Leute? Was war nur verdichtetes Zeitungswissen, und stimmte dieses Wissen der Zeitungen überhaupt?
Geheimnis und Transparenz
Die durch das Enthüllungsportal Wikileaks ausgelöste Diskussion dreht sich vorzugsweise um Geheimnis und Macht, um die totale Transparenz, die grenzenlose Blogosphäre und das Internet überhaupt. Aber es geht auch um die Verlässlichkeit von Quellen und darum, ob und wie abgezapfte Datensammlungen den Journalismus verändern können.
Die sich ölfleckartig in den Medien ausbreitende Debatte findet derzeit im Zwielicht von Argwohn und Komplizenschaft, Glorifizierung und Verachtung, Furcht und Überschätzung statt. Mitunter stehen sich Internet-Fans und klassische Journalisten fast unversöhnlich gegenüber.
"Mit unseren derzeitigen Aktionen bestimmen wir das Schicksal der internationalen Medien in den kommenden Jahren", tönte vor Wochen Julian Assange, Mitbegründer und Sprecher von Wikileaks. Kleiner mag es der 39-Jährige selten. Er gibt sich nicht wie David, sondern wie der Goliath der neuen Zeit.
Er ist aber auch eine Symbolgestalt, ein moderner Robin Hood, vor allem für die Jungen. Wer liest, wie einhellig die Netzgemeinde bei Facebook oder in den Kommentaren der Zeitungsportale auf Seiten von Assange steht, stellt fest, dass auch hier eine Lagerbildung stattgefunden hat.
Hier die Älteren, auch die älteren Journalisten, die den radikalen Ruf nach Offenheit skeptisch sehen. Dort die Jungen, die sich über die Wikileaks-Verfolgung ähnlich empören wie die Alten damals, 1962, über die Spiegel-Affäre.
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Bundespräsident Gauck in Israel
Altkanzel Schmidt Auffassung von Geheimdiensten, in einem ZeitInterview(2007) : „Das sind arme Schweine…dass sie für das, was sie tatsächlich leisten, niemals öffentliche Anerkennung bekommen. …Das deformiert die Seele.”
Möglicherweise gilt das auch für die Wikileaks Mitarbeiter um Julian Assange und auch für die künftigen neuen Gruppen um Daniel Domscheit-Berg.
Auch als Atheist / Monotheist kann man eventl erkennen, dass eine „deformierte Seele“ Einfluss hat, auf ‚Ihre’ Entscheidungen/Auffassungen, auf das was ‚Sie’ demnächst tun oder nicht tun.
Die Annahme(Behauptung eines Autors aus der Taz): „Möglicherweise hätte der kostspielige Bankencrash von 2008 durch rechtzeitigen Verrat verhindert werden können.“, kann zwar richtig sein, ist aber sehr flach. Sie impliziert, dass mehr Öffentlichkeit, mehr Transparenz eine Krisenimmunität erzeugt.
Wer eine Transparenz propagiert, in der jede Entscheidung, vom Dorfbürgermeister bis zum Bundeskanzler, für die Öffentlichkeit zugänglich sein soll, der sollte sich die vielen ‚interessanten’ Sendungen der Privatsender ansehen, die total öffentlich sind, die gemacht werden weil die Öffentlichkeit/die Quote das will.w.marc-houma.de
Irgendwie lavieren Sie sich hier durch, Herr Leyendecker. Eine klare Position kann ich dem Text nicht wirklich entnehmen.
Aber auch Auslassungen sprechen für sich. In einer Demokratie ist der Souverän das Volk und nicht die Regierung. Diese hat Rechenschaft abzulegen und tut es nur unzureichend. Das übernimmt in Teilen Wikileaks. Insofern sehe ich da kein Recht auf Geheimnis. Was hat denn bitte Wikileaks veröffentlicht, was "gefährlich" ist? Nichts - außer die Gefährdung des eigenen Machterhalts einiger Akteure. Ist es nicht Aufgabe der einstigen vierten Gewalt im Staate, Sachen zu hinterfragen? Für diese war früher der whistleblower eine wichtige Quelle. Jetzt auf einmal regiert aber das "Recht auf Verschwiegenheit"? Etwas seltsame Gewichtung. Und Sottisen einer Kabinettssitzung interessieren nicht wirklich - erstaunlich jedoch, daß immer wieder auf derlei Redundanzen hingewiesen wird anstatt die wirklich interessanten Punkte aufzugreifen. Nicht jeder Wisch, den wikileaks veröffentlicht, ist interessant - aber das Ignorieren der herausragenden Punkte zeigt doch einiges über die Motivation der Medien.
Man muss kein Fan von Wikileaks sein, um zu sehen, daß die "klassischen" Medien ihrer einstigen Aufgabe nicht nachkommen. Solange dies so ist und Lohnschreiber die Meinung derjenigen verbreiten, die sie bezahlen, wird wikileaks leider nicht überflüssig werden.
Es ist Aufgabe der Medien, zu zeigen, daß sie nicht im "Lager" stehen.
und eine Reihe andere unselige Gestalten bis hin zur Hitlerei in Deutschland verfuhren ebenso?
Diese Assange-Organisation hat eine Lawine von Trittbrettfahrern losgetreten, die sie nicht wollen konnte.
Auch fehlt jeder Hinweis in der gesamten Berichterstattung, wonach Wikileaks seine "Fundstücke" in Auktionen wie warme Semmeln angeboten hat - und dies wohl auch weiterhin im Sinn hat. -
Das, wenn je existente, Ideal des Wikileaks wurde zugunsten einer hochautoritären Verteiler-Macht verraten und insofern kann man Openleaks nur alles Gute wünschen, mögen es ihnen gelingen, dem ursprünglich Gewollten zu entsprechen.
Wikileaks ist in eine Art Enthüllungsrausch gestolpert, den es dann auch noch selektiv an nur drei Presseorgange "auskippte". - Mich würde, ganz nebenbei, der Preis interessieren, den Guardian, NYT und Spiegel dafür berappten.
Wie man auf die Idee verfallen kann, Wikileaks sei kein Unternehmen, erschliesst sich ebenfalls nicht und ein Blick ins Internet, Stichwort Sunshine Press - jüngst gegründet auf Island, ist lohnend.
Zu guter Letzt: die Argumentation Wikileaks, gerade um einem Schwarzmarkthandel von Daten zu begegnen, sei man selbst Garant dafür, dass "Transparenz" herrsche, ist damit relativ gut demaskiert.
Es ist schade um den verlorenen Grundgedanken Wikileaks, meine vorsichtige Hoffnung ruht nun auf OpenLeaks.
Die Frage "Was sollen Botschaftsberichte wem beweisen?" sollte von der SZ nicht gestellt, sondern anhand der durch Wikileaks vorliegenden Informationen beantwortet werden!
Es sollte den "klassischen" Medien darum gehen, eine Position zwischen zwischen "Embedded Journalism" und Wikileaks zu finden, die mehr ist als nur feuilletonistisches Räsonieren über Generationenkonflikte.
In diesem Zusammenhang ist auch der Einstieg des Artikels "Wikileaks und die Systemfrage" etwas irritierend. Die Spekulation, ob der 2. Irakkrieg ausgebrochen wäre, wenn die "informationellen Vandalen" von Wikileaks schon damals zugeschlagen hätten, führt angesichts den Tatsachen, daß der UNO Sicherheitsrat nachweislich von den USA belogen wurde, in die Leere. Die "Wahrheit", mit oder ohne Wikileaks, hat Collin Powell mit einer billigen Photoshop Fiktion von mobilen Massenvernichtungswaffen schon selbst geliefert.
Entscheidend ist die Tatsache, daß damals die Stimmen von Millionen Bürgern, die auf den Straßen der ganzen Welt dagegen protestierten, einfach ignoriert wurden. Sie dienten in der Ökonomie der Meinungsmedien als "Bild" eines demokratischen Prozesses, der aber einfach nicht stattfand. Sie ist geradezu ein Ausgangspunkt, warum Wikileaks heute mehr als nötig ist.
Eigentlich sollte sich deshalb die SZ jenen Zeitungen anschließen, die Wikileaks Seite spiegeln und täglich eine profunde Analyse der geleakten Informationen zu liefern und in aktuelle Zusammenhäge stellen, anstatt sich darüber zu beschweren, daß Wikileaks gerade das nicht macht (nicht machen kann).
Auf den Punkt gebracht lautet die Systemfrage also:
Was können die "klassischen Medien" aus dem Spiegel-Urteil vom 5. August 1966 und dem Cicero-Urteil vom 27. Februar 2007 lernen um wirklich die 4. Säule der Demokratie zu bilden?