Ende von TV-Karrieren Ich mach dann mal den Raab

Wer rechtzeitig aufhört, steigert den Marktwert: Stefan Raab bei der Verleihung des diesjährigen Deutschen Comedypreises.

(Foto: dpa)

Fernsehmenschen kleben an ihrer Bedeutung. Stefan Raab hat das rechtzeitig erkannt, Günther Jauch eher zögerlich. Warum ist es so schwer aufzuhören?

Von Evelyn Roll

Warum ist das so verflucht schwer, aufhören im richtigen Moment? Aufhören, solange es noch genug Menschen gibt, die sagen oder schreiben: wie furchtbar schade, dass der schon geht? Warum machen es fast alle so wie die beiden wirklich Großen Günther Jauch in der ARD oder Thomas Gottschalk im ZDF, immer weiter ohne Freude, bis dann zu viele sagten: Das wurde nun aber auch wirklich Zeit?

Weil es eine Kunst ist. Die Kunst des Aufhörens wird geboren aus Klugheit, Stolz, Haltung, und aus dem Verständnis für Schönheit, Vollendung und Stil. Es ist der Sieg der Intelligenz über die falschen Gefühle. Deswegen wollen alle im richtigen Moment aufhören, alle sagen jedenfalls, dass sie das wollen und wie fest sie sich das vorgenommen haben.

Vielleicht haben sie die kempowskihaften Sprüche ihrer klugen Großmütter etwas zu oft gehört, um sie, als es darauf angekommen wäre, dann wirklich beim Wort zunehmen: aufhören, wenn es am schönsten ist! Oder: Ein guter Abgang ziert die Übung!

Witz, pass auf!

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Die Verlustangst siegt

Die Großmütter wussten oder ahnten, dass das Aufhören im richtigen Moment klug und wichtig ist, aber auch sehr, sehr schwer. Gehirnforscher erklären uns, warum das so ist, und wieso nur die Intelligentesten es wirklich schaffen. Offenbar muss die Kapazität des Frontalhirns, in dem die Gesamtexekutive des Menschen wohnt sozusagen, unbeirrbar stärker sein als das limbische System und diverse von Lust-, Angst- und Sentimentalhormonen gesteuerte Rechtshirnareale, die einen guten Abgang zuverlässig verhindern.

Sie haben in etlichen Versuchsreihen nachgewiesen, dass bei der Abwägung zwischen Was-verliere-ich und Was-gewinne-ich in den meisten Gehirnen die Verlustangst übersteuert und siegt.

Ein einfaches Experiment, das in Science veröffentlicht und in Dean Buonomanos Buch Brain Bugs beschrieben wurde, geht so: Der Forschungsleiter zeigt einer Versuchsperson fünf 100-Dollar-Scheine und erläutert ihr zwei Möglichkeiten, aus denen sie auswählen soll: Entweder kann die Person 300 von den 500 Dollar sofort mitnehmen, oder mit einer 50-zu-50-Chance um die gesamten 500 Dollar spielen, die sie dann entweder ganz gewinnt oder ganz verliert.

Etwa 43 Prozent der Probanden entscheiden sich für das Spiel, ihre Gewinnsucht ist also größer als der Verstand und die Fähigkeit zum Wahrscheinlichkeitsrechnen.

Es kommt aber noch besser: Erstaunliche 62 Prozent entscheiden sich für die Fifty-Fifty-Spieloption, wenn die Bedingungen des Experiments zwar gleich bleiben, aber etwas anders formuliert werden. So zum Beispiel: Entweder du verlierst 200 Dollar, oder du spielst mit der 50-zu-50-Chance um die 500. Das ist dann zwar eigentlich genau dasselbe Angebot. Trotzdem erhöht sich durch diese Du-verlierst-Formulierungen die Zahl der Menschen, die lieber spielen und alles verlieren wollen, ganz enorm.

Nur die Intelligentesten erkennen, was sie gewinnen

Die Verlustangst ist offenbar ein enorm starkes Gefühl, nicht nur stärker als Verstand und Wahrscheinlichkeitsrechnung, sondern stärker sogar als Gewinnsucht.

Damit ist eigentlich alles erklärt. Nur die intelligentesten unter den Spitzensportlern, Showbiz-Leuten, Politikern, Fernsehmenschen und Du-und-ichs können die Verlustangst ignorieren und erkennen, was sie gewinnen. Nur sie können sich für die Rolle des freien Selbstbestimmers entscheiden, der im richtigen Moment aufhört und damit nicht nur seinen Stolz und seine Freiheit, sondern meistens auch gleich noch seinen Marktwert rettet.

Alle anderen fürchten irrational stark den Verlust, erkennen also den Gewinn nicht, und entscheiden sich für die prestigeschädliche Rolle des Untergehers, Weggedrängtwerders oder des traurigen Nach-und-nach-Verabschieders. Sie tun das auch und gerade, wenn sie reich, unabhängig, herbstblond und berühmt oder der Immobilienkönig von Potsdam sind.