Ein Jahr Recherchebüro "Correctiv" "Wir können das, wir machen das"

"Die Mitglieder sind für uns der Schutzwall, der uns die Unabhängigkeit sichert", sagt Correctiv-Chef David Schraven.

(Foto: Quelle: Correctiv)

Von Spenden leben und gegen das Auswärtige Amt klagen: Das Berliner Recherche-Büro Correctiv macht Journalismus anders als alle anderen in Deutschland. Ein Geburtstagsbesuch.

Von Hannah Beitzer, Berlin

Es wird irgendwann ganz schön eng zwischen den weißen IKEA-Regalen. Im Eingangsbereich des Recherchebüros "Correctiv" stehen Kartons mit den neuesten Veröffentlichungen in Print, etwa zwei Dutzend Menschen schieben sich an den Schreibtischen der Journalisten vorbei: vorbei an der Ausgabe der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo mit dem weinenden Propheten, die gerahmt an der Wand hängt, vorbei an dem Regal, in dem der Grimme Online Award steht, den Correctiv-Reporter für ihre Geschichte über den Absturz der MH17 in der Ostukraine erhalten haben. An der Wand hängt eine Urkunde, die bezeugt, dass das Medium-Magazin "David Schraven und Team" für die "Journalisten des Jahres 2014" hält. Ein Jahr gibt es Correctiv nun. Das feiern die Journalisten und ihre Unterstützer in ihrem Berliner Büro mit einer Diskussionsrunde, Bier und Snacks.

Am 14. Juli 2014 bezogen hier die ersten ihre Schreibtische, heute arbeiten 17 Festangestellte für das Rechercheprojekt unter Leitung von David Schraven. "Normale Redaktionen sind auf ein Produkt bezogen, sie wollen eine Zeitung drucken oder eine Online-Seite bestücken. Für uns ist die Produktion zweitrangig, uns geht es nur um Recherche", beschreibt er die Arbeit seiner Leute. Schraven, ein kräftiger Typ, dem man den Ruhrpott in jedem Satz anhört, sitzt im kleinen Büro von Chefredakteur Markus Grill, der erst vor sechs Wochen seinen Schreibtisch bezogen hat.

Zwei Reporter nur für TTIP

Schraven, der zuvor Leiter des Investigativ-Ressorts der WAZ-Gruppe war, ist im Büro für den Verlag, große Projekte und Veranstaltungen zuständig und pendelt zwischen der Geschäftsstelle in Essen und der Redaktion in Berlin. Markus Grill leitet die Redaktion. Grill, mit Glatze und freundlichen Augen hinter schlicht umrandeten Brillengläsern, kam vom Spiegel zu Correctiv - ein überraschender Wechsel. "Natürlich ist der Spiegel sehr komfortabel als Arbeitgeber. Aber das hier ist halt neu und spannend", sagt er. Auch deswegen, weil man sich die Themen ganz anders aussuchen könne.

Anders als zum Beispiel eine Tageszeitung konzentriert sich Correctiv nämlich auf wenige Themen, macht die dafür dann ganz groß. Zwei Reporter des Recherchebüros kümmern sich zum Beispiel ausschließlich um das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP. Es gibt dort außerdem zwei Datenjournalisten, die nur Daten auswerten und aufbereiten. Correctiv arbeitet mit Journalisten auf der ganzen Welt zusammen - und verschenkt die Ergebnisse an Medienpartner, die Schraven und seine Leute für geeignet halten. Die MH17-Geschichte zum Beispiel erschien im Spiegel und wurde von Zeitungen auf der ganzen Welt nachgedruckt.

Die Recherche-Reporter arbeiten auch mit öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern zusammen, bald startet eine größere Kooperation mit dem Privatsender RTL. Mit den TTIP-Recherchen unterstützt Correctiv Regionalzeitungen, die aufwendige Artikel zum Thema nicht stemmen können. Das Recherchebüro überlässt den kleineren Zeitungen fertige Geschichten, alles umsonst. Finanziert wird das Büro größtenteils durch Spenden. Die Initialspende von etwa drei Millionen Euro gab die Essener Brost-Stiftung, drei Jahre ist die Finanzierung so gesichert. Inzwischen sind auch noch andere Förderer dazu gekommen, die Augstein Stiftung zum Beispiel und die Bundeszentrale für politische Bildung. Das alles ist fein säuberlich auf der Homepage aufgelistet, der Jahresbericht ist für alle verständlich aufgeschlüsselt, auch das Gehalt von David Schraven ist mit einem Klick zu finden: etwas mehr als 36 000 Euro im Jahr 2014. Im Quartalsbericht stehen sogar die Geschichten, aus denen nichts geworden ist.

Correctiv sucht Mitglieder

Diese Transparenz ist auch deswegen wichtig, weil das Büro seit Anfang Juni um Mitglieder wirbt. Die sollen Correctiv mit durchschnittlich zehn Euro im Monat unterstützen, 5000 Unterstützer will Schraven bis Ende des Jahres gewinnen. "Die Mitglieder sind für uns der Schutzwall, der uns die Unabhängigkeit sichert", sagt Schraven. Denn klar, so ein Großspender kann immer mal abspringen oder im schlimmsten Fall versuchen, in das redaktionelle Geschehen einzugreifen.

Bewusst hat Schraven mit der Mitgliederkampagne erst ein Jahr nach dem Start begonnen. Denn die Leute sollen schon Bescheid wissen, was das Büro macht. "Wir wollen keine Mitglieder, die heute mit großer Begeisterung sagen: Super, da mach' ich mit! Und in einem Jahr sagen sie: Gefällt mir doch nicht", erklärt Schraven. Das lässt sofort an das Crowdfunding-Projekt Krautreporter denken, das vor dem Start um Abonnenten warb - und prompt viele enttäuschte. Krautreporter wurde vor allem vorgeworfen, die Geschichten seien wenig relevant.

Die von Correctiv hingegen sorgen immerhin für Aufregung. Zum Beispiel die Geschichte über multiresistente Keime in Krankenhäusern, die in Kooperation mit der Zeit erschien. An der gab es auch Kritik, ein Journalist der taz warf Correctiv vor, unsauber mit einigen Zahlen gearbeitet zu haben. Danach korrigierte sich das Büro in einem Punkt. "Mich ärgert, dass so eine unbedeutende Sache ein Gewicht kriegt, als wäre die ganze Recherche falsch", sagt Schraven darüber heute. Dabei sei das Problem real, betreffe Zehntausende Menschen. Er kenne Krankenhäuser, die nach der Geschichte ihre Hygienestandards verändert haben. "Diese Geschichte hat Menschenleben gerettet", ist er sich sicher.