Ehrenpreis für Pro-Sieben-Entertainer Witz, pass auf!

Zum Knutschen: Stefan Raab liebkost seinen Ehren-Comedypreis.

(Foto: Henning Kaiser/dpa)

Bei der Verleihung des Deutschen Comedypreises feiert sich eine Branche im Umbruch. Die Showeinlage von Stefan Raab lässt die Lücke erahnen, die sein Abschied vom Bildschirm Ende des Jahres reißen wird.

Von Hans Hoff

Am Ende einer jeden Comedypreis-Verleihung gibt es üblicherweise ein Ritual. Vorne auf der Bühne wird ein langjährig verdienter Spaßarbeiter geehrt, und hinten lichten sich rasant die Zuschauerreihen. Etliche der prominenten Gäste verdrücken sich in Richtung Büffet oder Raucherecke, genervt vom dreistündigen Stillsitzen. Dass es in diesem Jahr anders kam, ist dem designierten Frührentner Stefan Raab zu verdanken, der es bei der Aufzeichnung am Dienstag mit einem fulminanten Showauftritt krachen ließ.

An seinem 49. Geburtstag präsentierte Raab die Heavy Tones, seine Studioband, bat ein Streicherquartett auf die Bühne und als stimmliche Unterstützung seine Entdeckungen Stefanie Heinzmann, Max Mutzke und Lena. Es folgte ein effektvolles Medley aus Sentimentalität und Wucht, aus "Ich bin ene kölsche Jung" und Bob Segers "Old Time Rock'n'Roll", pyrotechnischer Knalleffekt inklusive.

Raabs Liedauswahl in einer RTL-Show wirkte wie eine Regierungserklärung zum Abschied, und es stellt sich schon die Frage, wie er dieses fulminante Finale demnächst bei seinem Haussender Pro Sieben noch toppen will. Gleichzeitig aber machte er den versammelten Vertretern des Spaßgewerbes auch bewusst, dass die Branche im Umbruch ist, dass es so wie es war, nie wieder sein wird. Der gute alte Rock'n'Roll aus den Witzigwerken klingt inzwischen mehrheitlich verwaschen, die Alten lassen merklich nach, und den Newcomern fehlt es noch an Schärfe und Prägnanz.

Man muss den Comedypreis nicht unbedingt bierernst nehmen, weil er in all den Jahren bewiesen hat, dass er Trophäen nach dem Wer-hat-noch-nicht-wer-will-nochmal-Prinzip vergibt, sich allzu oft vor allem um sich selbst dreht. Im Prinzip ähnelt die Veranstaltung zunehmend einer vorbeugenden Darmspiegelung, bei der man ein wenig sediert wird und dann nachschauen lässt, ob alles in Ordnung ist. In der Regel werden dabei nur ein paar harmlose Wucherungen entdeckt, die man weiter zu beobachten verspricht, und dann geht es wieder zur Tagesordnung über. Die Innensicht ist inzwischen immer wichtiger geworden bei diesem Ereignis, erst recht, seit der Deutsche Fernsehpreis im Eventherbst weggefallen ist.

Es sind vor allem die seit Jahren auf den Bühnen und vor der Kamera gestählten Profis, die das Ding wuppen. Seit Carolin Kebekus den Preis moderiert, wirkt er wie geliftet. Die lange unterschätzte Kölnerin hat Kraft, Willen und Ausstrahlung. Sie weiß, wie man einen Saal bannt, wie man erdbebengleich startet und sich dann noch steigert. Vor allem weiß sie, wie man Pointen setzt, was man nicht von allen Kollegen sagen kann. Insbesondere die Laudatoren Katrin Bauerfeind, Tom Beck und Luke Mockridge hatten sehr offensichtlich nicht ihren besten Tag. Dafür glänzte Annette Frier mit einer fulminanten Ansprache, und Laudator Max Giermann lieferte mit seinem Auftritt als Klaus Kinski gar einen Höhepunkt, der durchaus das Zeug hat, demnächst selbst bepreist zu werden.

Wenig überraschend gingen die Preise im unübersichtlichen Kategorienwald an die üblichen Verdächtigen. Der Jurypräsident Dieter Nuhr kriegte ebenso einen für irgendwas wie der gar nicht erst erschienene Michael Mittermeier. Kebekus kriegte zwei, und der nicht anwesende Charly Hübner hätte eigentlich auch zweimal auf die Bühne gemusst. Til Schweiger kriegte einen Preis für die erfolgreichste Kino-Komödie (Honig im Kopf), sandte aber nur ein Dankesvideo, und Katharina Thalbach schickte zur Entgegennahme lieber ihre Enkelin. Einzig das Urgestein Ingo Appelt freute sich so sehr über seinen ersten Preis, dass er seiner Liebsten prompt einen Heiratsantrag machte und das ausnahmsweise mal nicht als Witz meinte.

Bei all den Abwesenden war man umso froher, dass wenigstens Stefan Raab gekommen war, ein würdiger Ehrenpreisträger. "Die letzten 22 Jahre kamen mir vor wie ein Rausch. Dann muss auch mal gut sein", sagte er und krönte seine Teilnahme am Kanzlerduell als Highlight seiner Karriere. "Da könnte ich mich heute noch drüber beömmeln", sagte er.

Das tröstete ein wenig über die im Raum stehende Frage hinweg, ob es denn in Zukunft noch genug Dinge gibt, über die es sich zu beömmeln lohnt. Schließlich stehen immer mehr Komiker auf immer mehr Bühnen, aber es wird auch zunehmend egal, wer wann wo und wie witzelt, weil die Themen ewig gleich sind, weil niemand mehr nachkommt, an dessen Lippen man sich noch festklammern möchte. Der Brunnen, aus dem alle schöpfen, scheint auszutrocknen. So richtig auffallen wird das aber wohl erst, wenn all jene weg sind, die noch wissen, wie man auch im Trüben erfolgreich fischt. Stefan Raab ist bald weg, andere Veteranen dürften ihm folgen. Was dann kommt, ist offen. Old Time Rock'n'Roll wird es aber nie mehr geben.

Der Deutsche Comedypreis, 31. Oktober, RTL, 22.15 Uhr.